W. Schicho

 

Kommentar zum Vortrag Weltwirtschaftskrise

 

0. Herangehen:

 

"Krise": "Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Lage ... entscheidender Abschnitt einer durch ausnahmehafte Belastungen gekennzeichneten Lebenssituation ... das plötzliche Zusammenbrechen von Güterpreisen oder Aktienkursen, das bei manchen Konjunkturzyklen die allg. Depression einleitet." (dtv-brockhaus)

"eine Lawine ... die die Produktionsfaktoren zeitweise verschüttete und auch die Sperrklinke zerschlug, von der zuvor die Rede war ... Keynes hielt die Krise für eine vorübergehende Flaute und erwartete einen baldigen Aufschwung ... Das Krisenbewusstsein bildete sich auch bei ihm erst langsam heraus." (ROTHERMUND 1982 Einleitung)
".. Krisen sind, wie Gunder Frank richtig gesehen hat, Herausforderungen an ein System, unerlässliche Anpassungen zu vollziehen, ohne die es in schwere Gefahr gerät oder sogar zum Untergang verurteilt ist. Daher bedeutete für die Chinesen das Wort 'Krise' 'eine Kombination von Gefahr und Gelegenheit'. Krisen sind also nichts anderes als 'kritische' Zeiten, in denen sich die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf eine besonders akzentuierte Weise vollziehen." (ZIEBURA)
"Der Fehler in den zwanziger Jahren bestand darin, dass die Gläubigerländer zu grosszügig mit ihrem Geld umgegangen waren: Den Schuldnern war ermöglicht worden, zuviel aufzunehmen, und sie hatten wenig Anstrengung gemacht, ihre Volkswirtschaften so anzupassen, dass sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten entwickeln konnten."(ALDCROFT)
"Es ist der Tenor dieses Buches, dass sich die Dauer der Weltwirtschaftskrise teilweise und ihre Heftigkeit weitgehend dadurch erklären lassen, dass die Briten nicht in der Lage waren, ihre Rolle als Garant des Systems fortzusetzen und die Vereinigten Staaten bis 1936 nicht bereit waren, diese Rolle zu übernehmen." (KINDLEBERGER)
usw.

Ich nehme zur Kenntnis, dass mit zunehmender "Verwissenschaftlichung" des Diskurses die Frage danach, WAS DIESE KRISE SEI verschwindet und ersetzt wird durch WIE SIE ENTSTANDEN SEI oder noch weiter DURCH WELCHE THEORIE DIE ENTSTEHUNG AM EHESTEN ZU ERKLÄREN SEI. Ich glaube weiters zu verstehen, dass sich allmählich eine Art Toleranz unter den Mitspielern breit macht, die jeder Theorie, oder fast jeder, erlaubt ein Stückchen zu erklären, soweit sie nicht auf den Anspruch der Alleinseligmachung pocht.
Ich freue mich über den Erfolg, kehre aber dorthin zurück, wo ich herkommen, nämlich mich zu fragen, "was diese Krise sei, wenn es überhaupt Krise gibt" und möchte dann eine Antwort darauf, im Vertrauen auf die Erkenntnis, dass wir wissen WIE WER DIE KRISE GEMACHT HAT, "warum, zu welchem Nutzen oder Schaden" er das getan hat bzw. "wie der/die/das Betroffene die Krise erlebt und welche Strategien dagegen sie/er/es entwickelt".

1. Die Krise bringt keinen Strukturbruch.

Es ist purer Zufall ("happy historical accident", OWEN), dass Ägypten 1930 sein Recht auf Tarifautonomie wieder erhält und in bescheidenem Masse das machen darf, was alle Industriestaaten in dieser Zeit als Rettung ansehen: Abschottung seiner Binnenwirtschaft durch Schutzzölle. Es kam zu keiner nennenswerten Verschiebung in der Anbaufläche zwischen landwirtschaftlichen Export- und Konsumprodukten, obwohl die Weizenproduktion in Verbindung mit Schutzzöllen einem Teil der einheimischen Bourgeoisie beträchtliche Einkommenszuwächse verschaffte. Es kam auch zu keiner Umschichtung in Industrie und Handel, vielmehr musste etwa die Bank Misr, in den 20er Jahren Aushängeschild des einheimischen Kapitals, in den 30er Jahren Auslandskapital aufnehmen und joint ventures bei ihren Industrieprojekten eingehen.
           
Die negativen Folgen der Krise werden so rasch als möglich auf die ländlichen Produzenten bzw. auf die Konsumenten abgewälzt (sinkender Baumwollpreis, steigende Preise für importierte Güter, Lohnreduktion), während so lange als möglich an Steuern, Zinsen, Renten etc. in alter Höhe festgehalten wird. (Rothermunds(?) Sperrklinkenbruch)
            Die Regierung ist hilflos bzw. konzentriert sich darauf der von ihr vertretenen (ländlichen) Bourgeoisie zu helfen: Massnahmen wie Aufkauf von Baumwolle, Krediterstreckung, Zinsstützung, Beschränkung der Anbauflächen, Preisstützung für einheimischen Weizen u.a. es steigt die Zahl der Landlosen, verkauft die Landbevölkerung ihre letzten Reserven (Auftauchen alter Goldmünzen: Ägyptens Beitrag zur Verschiebung der Goldreserven aus der Peripherie ins Zentrum), verzichtet auf Konsumgüter und auf die Investition in die Bildung der Kinder. Die Krise beschleunigt vorhandene Tendenzen, wie das Anwachsen des Grossgrundbesitzes und paralell dazu der landwirtschaftlichen Kleinstbetriebe (unter 5 feddan) sowie der Zahl der Pächter bzw. Landlosen. Sie führt vorübergehend zur Wiedereinführung von Naturalabgaben (Steuern, Pacht etc.) und zu einer Ausweitung des "crop sharing"
            Im Aussenhandel kommt es zu einer deutlichen Verschlechterung der Terms of Trade und einer Verschiebung des Schwergewichts weg von Grossbritannien und hin zu Ländern wie Japan, UdSSR oder Deutschland. Der Grund dafür liegt in der aggressiven Handelspolitik dieser Staaten und Ägypten kann sich kaum dagegen wehren. Mit Ende der 30er Jahre ist der Einfluss Grossbritanniens wieder stärker.

2. Es kommt zu keiner grundlegenden Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse

Der Wechsel zwischen konservativen (Fuad) und liberalen (Wafd) bürgerlichen Regierungen setzt sich fort. Die Reduktion britischen Einflusses aufgrund des Vertrags von 1936 verändert die de iure Situation weit mehr als die de facto Lage. Der Erfolg der Wafdregierung in den Verhandlungen mit den Briten besteht im Prestigegewinn: Eintritt in den Völkerbund und Rückzug britischer Beamter und Offiziere aus Führungspositionen in der ägyptischen Armee und Verwaltung. Die Briten üben die gleiche Kontrolle von da an indirekt aus (vgl. Sicherheitsdienst).
           
Eine Zulassung von Gewerkschaften erfolgt erst 1942. Die Öffnung der Offiziersposten für Angehörige des Kleinbürgertums durch die Wafdregierung ist ebenso wie der Vertrag mit den Briten ein Versuch die politische Macht gegenüber dem Palast zu verstärken. Dieser Schritt ist allerdings entscheidend für die politische Veränderung die zwischen 1952 und 1956 erfolgt: Nassers kleinbürgerliche nationale Revolution. Machen wir die Krise dafür verantwortlich, dass die reaktionären Kreise um Fuad Neuwahlen und eine Rückkehr der Wafd zulassen mussten, dann ist sie so letztlich auch für die Revolution von 1952 verantwortlich (??).
            Wenn überhaupt eine Reaktion auf die Verschlechterung der Lebensbedingungen festzustellen ist, dann in zunehmender Aggressivität und Banditismus, wie er für manche Teile des Landes beschrieben wird. Die Entstehung radikaler rechter bis faschistischer Gruppen ("junges Ägypten", "Muslimbrüderschaft") ist als Reaktion auf den unbefriedigenden bürgerlichen Nationalismus und die Fortdauer britischer Kontrolle zurückzuführen, ebenso wie auf direkte Einflüsse etwa durch das faschistische Italien und Deutschland. Fuad selbst hatte enge Kontakte vor allem mit den italienischen Faschisten.

3. Die Erkenntnis, wie sehr eine Monokultur das Land einer Fremdbestimmung ausliefert, hat Ägypten nicht daran gehindert, den Baumwollsektor weiter auszubauen.

Der Ausbau einer importsubstituierenden Industrie erfolgte mittels ausländischem Kapital, wobei ein Grossteil der Produktion unter quasi Monopolbedingungen vertrieben wurde. Wie schon während des Ersten und wie auch wieder während des Zweiten Weltkrieges ist die importsubstituierende Produktion in vielen Bereichen leicht verwundbar, und verschwindet dementsprechend rasch, sobald sich die Weltmarksituation verändert (z.B. Handelsverträge mit Präferenzklauseln mit dem Ziel Rohstoff - Baumwolle - abzusetzen bringen Textilien zu Dumpingpreisen ins Land: JAPAN, UdSSR). Die Wirtschaftskrise trug möglicherweise dazu bei, das nationale Kapital aus diesem Sektor noch deutlicher zu verdrängen. Dagegen spricht, dass die Wirtschaftskrise und die Jahre davor dem nationalen Kapital, das überwiegend aus dem Grundbesitz kommt, zu grösseren Gewinnen verholfen hat, als dies unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre - aber dieses Geld wurde überwiegend wieder in Boden, Immobilien oder Auslandsbeteiligungen angelegt.

            Die Krise wurde von den Betroffenen nicht als DIE Krise erlebt.

 

Ich ende mit dem überflüssigen Satz eines überflüssigen Beitrags (OWEN): "the effects of the world depression on the Egyptian economy were serious, but they could have been very much worse."