Walter Schicho

Ringvorlesung Weltwirtschaftskrise, Universität Wien, WS 1996

 

Die Wirtschaftskrise 1929-33 in Ägypten

 

1. Die Vorgeschichte

 

            Das 19. Jhdt brachte für Ägypten die Entwicklung zu einem Kolonialstaat, weg von der zerfallenden Grossmacht Türkei unter die Kontrolle Englands und der englischen Wirtschaft. Seit dem Staatsbankrott von 1876 hatten Briten und Franzosen über die "Caisse de Dettes Publiques"[1] die direkte wirtschaftliche Kontrolle des Landes. 1882 besetzte Grossbritannien Ägypten und die britischen Wirtschaftsinteressen fanden damit ihre militärische Absicherung. Die Konkurrenz zu Frankreich blieb allerdings aufrecht. Erst durch das Abkommen von 1904 gab es eine klare Trennung der kolonialen Einflussgebiete und eine uneingeschränkte politische Herrschaft Grossbritanniens in Ägypten. Britisches Kapital und britische Unternehmen fanden weiterhin eine deutliche Konkurrenz in französischen, belgischen und anderen europäischen Banken und Unternehmen und nicht zuletzt auch in der ausländischen und einheimischen Bourgeoisie in Ägypten selbst.
            Muhammad Ali (1805 bis 1848) und seine Nachfolger im Amt des Khediven, des türkischen Regenten über Ägypten, hatten im Verlauf des 19. Jhdts eine Modernisierung der ägyptischen Gesellschaft und Wirtschaft betrieben, die am deutlichsten in der Ausweitung der Anbauflächen durch Bewässerungsanlagen und in der Zunahme des Exports agrarischer Güter zu erkennen war. Eine solche Wirtschaftspolitik und die Tatsache, dass die Briten Versuche einer Industrialisierung mit vielerlei Mitteln zu verhindern suchten, führten dazu, dass die Produktion und die Ausfuhr von Baumwolle eine ungeheuer dominierende Position erreichten. Das Land geriet zudem immer stärker in Abhängigkeit von fremdem Kapital. Trotz allem verzeichnete das Land in der Zeit bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges einen raschen Aufschwung.

"Ägyptens Nationaleinkommen von etwa 120 Millionen ä£ im Jahr 1913 reflektiert deutlich die Prosperität eines Landes, das im Jahr 1800 Napoleons Experten durch seine Rückständigkeit und Armut schockiert hatte. Das Pro-Kopfeinkommen von ä£ 10.- lag über dem von Indien und sogar von Japan, obschon es nur ein Fünftel des britischen bzw. ein Achtel des us-amerikanischen betrug. ... Der Baumwollexport brachte Ägypten in der Zeit vor dem Ausbruch des Krieges sehr gute Resultate. ... Keine der Komponenten der Aussenhandelsleistungen wurde bis 1950-51 übertroffen, als die Handelsbedingungen und das Einkommen aus dem Handel als Folge des Koreakrieges drastisch besser wurden." (TIGNOR 1984:24)

            Formell blieb die türkische Oberhoheit noch bis 1914 anerkannt, doch regierten de facto der britische Generalkonsul. Lord Cromer (bis 1907) sah als eine der Hauptaufgaben seiner Verwaltung die Liquidation der Staatsschulden, die bis 1890 auf 107 Mio £ gestiegen waren. 41% der staatlichen Einnahmen gingen damals allein für ihre Verzinsung auf. Cromers rigorose Sparmassnahmen betrafen Investitionen in "unproduktive" Sektoren, wie Gesundheit, Bildung u.a.[2] Investiert wurde aber, in Fortführung der Massnahmen des Khediven, in die agrarische Infrastruktur. Die Errichtung eines Eisenbahnnetzes beschleunigte und verbilligte den Transport. Der Bau oder die Verbesserung von Bewässerungssystemen und Staudämmen brachten eine Ausweitung der bebaubaren Fläche und die Möglichkeit doppelter Ernte. Die Ausweitung hielt zwar nach 1900 nicht mehr mit der Steigerung der Bevölkerungszahl Schritt,[3] doch vergrösserte sich aufgrund einer Verbesserung des Hektarertrags weiterhin die Pro-Kopfproduktion.
            In erster Linie wurde die Produktion der Baumwolle gefördert. Der Umfang ihrer Produktion stieg unverhältnismässig stärker als der von Nahrungsmitteln. Das Weizenexportland Ägypten wurde allmählich ein Importeur von Nahrungsmitteln. Die Wirtschaft aber hing, wegen der Monokultur von Baumwolle, die 80 bis 90% des Exportwertes beitrug, immer stärker vom "Weltmarkt" ab. Ägyptens Produktion machte zwar insgesamt nur einen kleinen Teil des von den USA dominierten Marktes aus, doch bei Baumwolle mit langer und extralanger Faser, die mit Preisaufschlag verkauft wurde, hatten die ägyptischen Exporte einen beherrschenden Anteil.

            Die Politik der Engländer unter den "Prokonsuln" Cromer, und später Kitchener,[4] war für Ägyptens Entwicklung insgesamt ein Rückschritt gegenüber der Zeit der Khediven vor 1882 bzw. 1876. Die Modernisierung im Bereich der Bildung, aber auch eine Industrialisierung mit dem Ziel einer importsubstituierenden Produktion, wurden von den Briten bzw. den andern europäischen Mächten auf der Basis der Bedingungen der Kapitulation von 1882 erschwert bzw. verhindert. Die Zollsätze waren aufgrund des internationalen Vertrags für die meisten Güter mit 8% festgesetzt. Lord Cromer liess dazu die lokale Produktion ebenso mit 8% besteuern. In Verbindung mit unterschiedlichen Frachtraten und anderen Formen einer einseitigen Begünstigung ergab sich daraus nicht die behauptete Chancengleichheit für den Freihandel sondern eine Benachteiligung der einheimischen industriellen und gewerblichen Produktion.
            Der Ausbau der verarbeitenden Industrie betraf vor allem die erste Behandlung des Rohstoffs Baumwolle, also Ölmühlen, Entkernungsanlagen und Anlagen zum Pressen der Ballen. Diesen Bereich beherrschten die griechischen Baumwollhändler. Griechische Unternehmer kontrollierten auch die Zigarettenindustrie. Einige wenige grosse Unternehmen, wie etwa in der Zuckerherstellung, in der Lebensmittel- und Tabakverarbeitung oder in der Baustoffproduktion standen zahlreichen mittleren oder kleinen Unternehmen gegenüber, wie Zigarettenmanufakturen oder Webereien. Insgesamt kamen über 90% der Investitionen aus Europa oder von in Ägypten ansässigen ausländischen Unternehmern. Die ägyptische Bourgeoisie zog es vor ihre Gelder, die aus der Verpachtung von Boden an kleine bäuerliche Produzenten oder der agrarischen Rohstoffproduktion kamen, wieder in Boden oder Immobilien anzulegen, oder Aktien europäischer Gesellschaften zu kaufen. Die Entwicklung einer lokalen Industrie und die Schaffung neuer Arbeitsplätze war unter diesen Bedingungen schwierig.

            1914 erbrachte der Kriegseintritt der Türkei auf Seiten von Österreich-Ungarn und Deutschland den Briten den formellen Anlass zur Errichtung eines Protektorats. Sie setzten den Khediven ab. Das Land kam unter britische Militärverwaltung. Durch die Aushebung von Arbeitsverpflichteten, die Beschlagnahmung von Lebensmitteln und Tieren und ab 1915 durch die intensive Förderung des Baumwollanbaus[5] verstärkten die Militärverwalter den Druck auf die Bevölkerung - und erzielten damit von nationalistischer Seite verstärkten Gegendruck. Von den steigenden Preisen der Baumwolle,[6] von den Ausgaben der Briten für die im Land stationierte Armee und von einer kriegsbedingten importsubstituierenden Industrieproduktion profitierte nur ein kleiner Teil der Bevölkerung: Städtische Unternehmer und Handwerker, zumeist ausländischer Herkunft, und Grossgrundbesitzer. Der Staat verzeichnete einen deutlichen Handelsbilanzüberschuss, trug einen grossen Teil seiner Auslandsschulden ab und finanzierte damit die europäischen kriegführenden Mächte. Die meisten Ägypter bekamen nur die Requisition und ihre Folgen sowie die immens steigenden Preise zu spüren.
            Die allgemeine Unzufriedenheit führte zu deutlichen nationalen Protesten nach dem Ende des Weltkriegs. Die "Revolution" von 1919 enthielt verschiedene divergierende Komponenten: Antibritische Tendenzen des Hofes und der bürgerlichen Nationalisten; ein ägyptischer Nationalismus, der über die Oberschicht hinaus bei Studenten, im Kleinbürgertum und bei den städtischen Arbeitern wirksam wurde; ein sozialer Kampf um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen; spontane soziale Revolten gegen das System der Ausbeutung unter Pächtern und Landarbeitern. Britisch-unterkühlt formulierte Hochkommissar Wingate in seinem Bericht über die Unruhen und Streiks von 1919 (vgl. LOCKMAN 1988:273ff): "Ich sehe mich veranlasst anzuerkennen, dass eine spürbare Bewegung zur Zerrüttung des Staatswesens im Gang ist, die ernste Folgen haben könnte." (Nach "Geschichte der Araber", Bd. 3, p. 25)
            Die nationalen Forderungen und ihre Umsetzung in Demonstrationen und Streiks brachten Ägypten 1922 eine eingeschränkte politische Unabhängigkeit. Die Briten erklärten sich zu einem Verzicht auf das Protektorat bereit, behielten sich jedoch in vier wesentlichen Punkten Eingriffe in die nationale Souveränität vor: Sie bestimmten weiterhin die ägyptischen Aussenpolitik, sie kontrollierten die Verteidigung, übten ein "besonderes Schutzrecht" über ausländische Minoritäten im Land aus und hatten die direkte Verwaltung des Sudan. Die offene Herrschaft der Kolonialmacht war damit wieder durch eine verdeckte ersetzt worden. Die englischen strategischen und wirtschaftlichen Interessen, mit eingeschlossen die Kontrolle des Suezkanals, waren gesichert. Die Briten vergrösserten die Zahl ihrer Truppen im Land von 5.000 auf 12.000. Darüber hinaus nahmen sie Schlüsselpositionen, wie etwa im Sicherheitsapparat oder im "Department of European Affairs"[7] des Innenministeriums, ein. Während die reaktionären Kräften um König Fuad und die Bürokratie positiv zu einer Zusammenarbeit mit den Briten eingestellt waren, wendete sich die bürgerliche nationale Bewegung, organisiert im "Wafd" (vgl. DEEB 1979), gegen die britischer Kontrolle, war jedoch in vielen Punkten einer Meinung mit den Briten.[8] Bis zum Sturz der Monarchie in 1952 bildeten Vertreter dieser beiden Richtungen abwechselnd die Regierung. Der Wafd, entstanden aus der nationalistischen Protestbewegung um Saad Zaghlul, vereinigte im übrigen innerhalb einer Partei recht verschiedene Tendenzen, war aber von allen Parteien die einzige, die für die Rechte einer breiteren Bevölkerung eintrat und in dieser Bevölkerung - zumindest in den Städten - Unterstützung fand.

            Die Wirtschaft baute während des Ersten Weltkriegs beachtliche Reserven auf. Zwischen 1914 und 1919 erzielte das Land einen Handelsbilanzüberschuss von 95 Millionen ä£. Die Baumwollpreise waren hoch. Die Grossgrundbesitzer bezahlten einen guten Teil ihrer Darlehen zurück. Weniger Importe und die gesteigerte Nachfrage durch das stationierte Militär kurbelten die Industrieproduktion an. Die Textilfirma "Filature Nationale d'Egypte" zahlte 300% Dividende. Die Zuckerfabrik verdoppelte die Produktion und erhöhte den Profit um das 34-fache. (TIGNOR 1984:49ff) Das alles ohne eine nennenswerte Verbesserung der Produktionsweise oder der Produkte. Mit Ende des Krieges waren die goldenen Zeiten aber auch wieder vorbei. Der Baumwollpreis sank plötzlich, die ägyptische Industrieproduktion war wieder voll der Importkonkurrenz ausgesetzt und die einheimischen Konsumenten tätigten umfangreiche Nachholkäufe. Die Importe erreichten in den 20er Jahren einen Umfang, den sie nach der Krise erst wieder in den 50er Jahren verzeichneten. Ägyptische Industrieunternehmen wie Gewerbebetriebe produzierten zu einem guten Teil Waren, die von ihrer Qualität nicht konkurrenzfähig gegenüber den importierten waren, bzw. zu einem Preis, den die Importeure unterbieten konnten. Sie wurden zudem wie zuvor durch die britische und staatliche Wirtschaftsstrategien benachteiligt.[9]
            Ähnlich wie im politischen Bereich machte sich auch in der Wirtschaft eine deutliche Tendenz zur Aufwertung nationaler gegenüber metropolitanen Tendenzen bemerkbar. Die zunehmenden Schwierigkeiten nach einer kurzen Zeit der Prosperität lösten innerhalb der wirtschaftlichen Elite, unter Ägyptern wie ansässigen Ausländern, aktive Bemühungen um eine bessere Absicherung der lokalen Unternehmen aus. Es kam zur Gründung von Interessensvertretungen wie dem Ägyptischen Industrieverband,[10] der Ägyptischen Handelskammer bzw. dem "Allgemeinen ägyptischen landwirtschaftlichen Syndikat" und vor allem zur Gründung der Bank Misr (vgl. DAVIS 1983, TIGNOR 1977) die nicht nur zur Gänze in einheimischem Besitz war - der grösste Teil der ursprünglichen Aktionäre waren Grossgrundbesitzer - sondern vor allem, und das mit viel Risiko, eine Förderung der nationalen Wirtschaft betrieb.

"In den 20er Jahren repräsentierte die Bank Misr den am eindeutigen nationalistischen, sogar ausländerfeindlichen, Flügel der heimischen Bourgeoisie in Ägypten. ... Ihre offizielle Sprache war Arabisch, denn die Gründer wollten demonstrieren, dass Arabisch eine Sprache der Finanzabwicklung war. Nicht weniger bezeichnend waren Ausländer vom Aktienbesitz und von der Besetzung eines Direktorspostens ausgeschlossen. Das heisst, Nationalismus war mehr als eine ideologische Fassade oder ein zynisches Mittel um mehr Unterstützung zu gewinnen." (TIGNOR 1984:71f)

 

            Die vergleichsweise früh einsetzende Modernisierung der ägyptischen Wirtschaft hatte die Entstehung einer Arbeiterbewegung zur Folge, die mit starker Beteiligung ausländischer Arbeiter immer wieder versuchte eine Verbesserung sozialer Bedingungen zu erzielen. Die britischen Autoritäten standen den Forderungen neutral gegenüber solange sie keine politischen Implikationen hatten, speziell wenn diese Forderungen an Unternehmen in anderem als britischen Besitz gerichtet waren. (Vgl. LOCKMAN 1988:273) Sie stellten sich aber entschieden gegen die offizielle Zulassung von Gewerkschaften - dazu kam es erst 1942 - und waren immer bereit Streiks mit massivem Polizeieinsatz zu brechen, wo sie nationalistischen Charakter annahmen oder die britische Autorität infrage stellten. Die Führung in den zahlreichen kleinen Gewerkschaften, zu deren Mitgliedern neben Lohnabhängigen auch Selbständige (Inhaber von Gewerbebetrieben, Transportunternehmer etc.) gehörten, nahmen Angehörige der Mittel- oder Oberschicht wahr. Besonders wichtig für die Effizienz der Gewerkschaften war die Verbindung der Arbeiterbewegung mit den bürgerlichen Nationalisten im Wafd. Zu Zeiten einer von der Wafd dominierten Regierung kam es immer wieder zu einem Anwachsen der Gewerkschaftsbewegung und zur offenen Diskussion einer neuen Arbeitsgesetzgebung, auch wenn die Streiks und die politische Arbeit der einzelnen Gruppen unter den Arbeitern nur geringe Erfolge erzielten. Lag die Regierung aber in Händen der durch den Hof Fuads und die Engländer bestimmten Reaktion, kam es immer wieder zur Repression der Arbeiterbewegung und zur Aushöhlung bzw. Unterwanderung der Gewerkschaften. Ihren Aktivitäten galt das besondere Interesse des britisch kontrollierten Sicherheitsdienstes. (Vgl. BEININ/LOCKMAN 1988:179.)

            Mit einem Wahlsieg des Wafd und der Installierung einer Regierung mit stark nationalistischer Tendenz schienen die Hoffnungen auf eine grössere politische und vor allem wirtschaftliche Unabhängigkeit Ägyptens 1924 realisierbar geworden zu sein. Grossbritannien nahm allerdings die Ermordung eines hohen Offiziers[11] zum Anlass, die Wafdregierung zum Rücktritt zu zwingen und zu zeigen, dass es immer noch stark genug war, Ägypten seinen Willen aufzuzwingen. Nach den Wahlen von 1926 kam der Wafd zwar wieder, konnte seine Politik aber - wie etwa in der Arbeitsgesetzgebung (vgl. BEININ/LOCKMAN 1988:184) - nicht durchsetzen. Die konservativen Regierungen danach konzentrierten sich darauf, die wirtschaftliche Infrastruktur, vor allem im Bereich der Wasserbauten, zu verbessern. Eine Reihe von Projekten blieben unausgeführt und der dadurch verbleibende Budgetüberschuss floss in unproduktive Bereiche.

            So gesehen teilten sich die 20er Jahre in eine aktive erste Phase des ökonomischen und politischen Aufbruchs und eine Zeit der "enttäuschten Hoffnungen", wie es Tignor nennt und: "Das Ägypten des Jahres 1929 war nicht merkbar verändert gegenüber seinem Zustand von 1914." (TIGNOR 1984:105) Die Preise der agrarischen Rohstoffe sanken immer tiefer. Die wenigen Industrieunternehmen hatten ihre Reserven verbraucht, zum Teil durch Dividendenzahlungen in Jahren, in denen sie keinen Gewinn mehr erwirtschaftet hatten, und viele Grossgrundbesitzer waren schon wieder verschuldet. Statt eines Weltkrieges, der Ägyptens Wirtschaft angekurbelt hatte, folgte nun aber eine Weltkrise.

2. Die Krise

 

             Die Krise von 1929-1933 machte sich in Ägypten primär als Agrargüterkrise bemerkbar, und weiters durch die Finanzprobleme, die sowohl im internationalen Zusammenhang als in Relation zur Finanzkrise Grossbritanniens gesehen werden müssen. Ein Preisverfall gararischer Güter war bereits seit 1925 merkbar, verstärkte sich aber seit 1929 deutlich. Dabei steigerte sich die Produktion der Baumwolle in den 20er Jahren stetig, von durchschnittlich 270.000 t pro Jahr in den ersten fünf Jahren auf 300.000 t in den zweiten fünf Jahren. Insgesamt stieg die Produktion der sieben wichtigsten Produkte - Baumwolle, Mais, Weizen, Bohnen, Gerste, Reis und Zuckerrohr - um 35%. (DAWLETSCHIN-LINDNER 1989:37) Die Regierung versuchte den sinkenden Preisen bei Baumwolle durch zunehmend umfangreiche Ankäufe entgegen zu wirken.[12] Mit dieser Massnahme konnte zwar der internationale Markt nicht beeinflusst werden, aber die Einkommen aus der Baumwollproduktion blieben noch für einige Zeit auf einem höheren Niveau, wovon in erster Linie Verpächter und Geldverleiher profitierten, weil Zinsen und Grundrente in etwa stabil blieben und eine Rückzahlung gesichert war. Als die Regierung dann mit dem Abverkauf ihrer Reserven begann, hatte sie nicht nur die Verluste zu tragen, sondern verursachte aufgrund einer plötzlichen Anpassung des Preises an den niedrigen Weltmarktpreis auch einen deutlichen Schock bei den Produzenten. Die Baumwollpreise erreichten 1931/32 ihren absolut niedrigsten Stand und erholten sich danach langsam.[13]
            Anders als bei Baumwolle verlief die Entwicklung bei Weizen und Mais, Grundnahrungsmittel für die städtische resp. die ländliche Bevölkerung. Es gab zwar auch hier einen Preisverfall mit dem absoluten Tiefpunkt in 1932, doch hielten nach 1930 Einfuhrzölle den Weizenpreis über dem Weltmarkpreis, was vor allem den Grossgrundbesitzern zugute kam, die Lebenshaltungskosten der städtischen Bevölkerung aber verteuerten. Die lokalen Unternehmer, ob nun Ägypter oder Ausländer, konnten bis 1930 keine Schutzzölle durchsetzen, womit sie den Veränderungen des Weltmarkts, primär aber dem wichtigsten Handelspartner Grossbritannien, unmittelbar ausgeliefert waren. Ein fixer Wechselkurs zwischen englischem und ägyptischem Pfund verstärkte diese Abhängigkeit noch.
            Erst als es die internationalen Verträge 1930 erlaubten, kam es zu einer Schutzzollpolitik. In ihrer Anlage und in ihren Folgen war diese Reform für den Staat und die einzelnen Interessensgruppen durchwegs uneinheitlich. Der Staat finanzierte sich zu einem guten Teil aus Zollabgaben und durfte sein Einkommen nicht durch abschreckend hohe Zölle zu drastisch reduzieren, was wiederum eine Erhöhung der Steuern notwendig gemacht hätte. Die Industrie forderte Schutzzölle. Die Agrarproduzenten wollten einerseits geringe Zölle auf Kunstdünger, Treibstoff und Maschinen, anderseits Schutzzölle auf Weizen und Mehl. Das Resultat war ein Kompromiss im Sinne industrieller und agrarischer Produzenten, dessen Kosten der kleine Konsument zu tragen hatte. Als Folge der Neuorientierung, mit Schutzzöllen für Weizen und Textilprodukte, sank der Anteil dieser beiden an den Importen im Verlauf der 30er Jahre und weitete sich deren lokale Produktion aus.
            Was den Baumwollanbau betraf, entschied sich die Regierung unter Ismail Sidqi gegen internationale Abkommen, die eine Reduktion der Anbauflächen erreichen wollten, für eine weitgehende Beibehaltung des Produktionsumfanges. Anfang der 30er Jahre standen allerdings nur noch geringe finanzielle Reserven zur Verfügung, mit denen der Staat die Überproduktion aufkaufen konnte. Um dennoch einen Zusammenbruch so weit als möglich zu vermeiden, unterstützte die Regierung die Bodenkreditbanken durch Anleihen und finanzpolitische Massnahmen.[14] Dadurch konnte in vielen Fällen eine Versteigerung von Boden zu sehr niedrigen Preisen verhindert werden. Die Zahl der Versteigerungen stieg dennoch bedeutend, denn die kleinen Bauern hatten keinen Zugang zu den Banken wie die mittleren und grossen Grundbesitzer, sondern waren bei privaten Geldverleihern und Kaufleuten verschuldet, die ihre Aussenstände rücksichtslos eintrieben. Die Geldinstitute fuhren zwar fort ihren Aktionären Profite auszuzahlen, verringerten dafür aber ihr Kapital um mehr als die Hälfte. Die schwächeren Unternehmen gingen dabei zugrunde. Zugleich kam es zu einer Förderung der baumwollverarbeitenden Industrie, die bereits von immer höheren Schutzzöllen profitierte. Sie steigerte ihre Produktion, unter Verwendung kapitalintensiver Arbeitsweisen, bei gleichzeitiger Reduktion der Importe. (Vgl. TIGNOR 1984:128ff) Eine ähnliche Entwicklung verzeichnete die Zuckerproduktion, wo staatliche Massnahmen eine Monopolsituation mit Schutz vor Importen schafften.
            Die Geldinstitute verzeichneten über die Jahre 1929 bis 1939 ein ständiges und deutliches Anwachsen der Einlagen (Vgl. TIGNOR 1984:123ff) und ein Ansteigen zeigte auch das investierte Kapital im industriellen Bereich. Die stark nationalistische Komponente, die die Aktivitäten der Bank Misr und ihrer Industrieunternehmen in den 20er Jahren gekennzeichnet hatte, verlor sich allmählich. Einige wenige grosse Firmen teilten sich den Markt, unter Führung einer kleinen Zahl von ägyptischen und ausländischen Industriellen. Sie setzten auf die Protektion und auf die Krisenhilfe des Staates. Dessen Schutzmassnahmen sicherten ein Funktionieren trotz mangelnder Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischer Konkurrenz. Auf solche Weise sicherte sich nationales und fremdes Kapital Profite, ohne auf die nationale Entwicklung besondere Rücksicht zu nehmen. Die Entscheidung, dass Ägypten nach dem Abgehen vom Goldstandard seine internationalen Verpflichtungen in Papierwährung abgelten konnte, brachte zwar für die Schuldner ausserhalb der Sterlingzone Verluste, doch hielten sich diese in Grenzen verglichen mit dem unausweichlichen Bankrott, der einem Festhalten am Goldwert gefolgt wäre.

3. Die Auswirkung der Krise auf die breite Bevölkerung

 

            Die Verringerung der Einkommen traf zuerst die kleinen Produzenten. Die Grundherrn, einheimische wie ausländische, trieben den Pachtzins und sonstige Forderungen (Rückzahlung von Vorschüssen und Krediten, Zinsen, Steuern) ohne Rücksicht auf die schwierige Situation ein. Der Staat bezog einen wesentlichen Teil seines Einkommens aus Steuern auf Land und landwirtschaftliche Produktion[15] und war nur sehr zögernd bereit, hier nachzulassen. So erreichte bei sinkendem Erlös die Steuer 1931/32 einen Anteil von 46,54% am ländlichen Einkommen. (AZMI 1934:716) Die Kleinbauern waren gezwungen den Boden zu verkaufen und Lohnarbeit zu suchen bzw. sich als Pächter zu verpflichten. Die Pächter konnten ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr aus Produktion und zusätzlicher Lohnabeit decken.

"Der Taglohn eines ländlichen Arbeiters, der schrittweise auf 5 Piaster angehoben worden war, fiel auf drei Piaster, und in manchen Provinzen wie Fayum sogar auf zweieinhalb Piaster. ... Ein Einkommen von fünf Piastern reichen einem Mann, der meist auch Familie hat, nicht hin, um einige der Bedürfnisse zu decken, die durch den zivilisatorischen Fortschritt entstehen. Mit zweieinhalb oder drei Piastern ist er zu einer Unterkonsumation gezwungen, zu einer Versorgung unterhalb der Bedürfnisgrenze, seiner selbst und seiner Familie, und zum Verzicht auf die kleinen Verbesserungen, die er für seinen Standard hätte erzielen können. Er wird auf ein schlechteres Niveau seiner Existenz zurückfallen, schlechter als es seine Vorfahren über Generationen hatten, und wenn die Situation lang anhält, wird es zu einer Schwächung dieser Bevölkerung von starken Arbeitern kommen, die die Fellachen heute sind." (BLANCHARD 1935:636)

            Nur wenige der Unterversorgten gingen in die Stadt.[16] Es vergrösserte sich vielmehr das Heer der ländlichen Arbeitslosen. Ein Rückzug in eine Subsistenz war anderseits auch nicht möglich, weil die meisten Bauern durch Verpflichtungen und Schulden in ein Marktsystem eingebunden waren, aus dem sie sich nur unter Verlust des von ihnen bebauten Bodens lösen konnten. So weit vorhanden trennte sich die ländliche Bevölkerung von ihren Reserven, die sie in besseren Zeiten in Form von Goldmünzen oder Schmuck angelegt hatten. Auch mittlere und grössere Landbesitzer kamen Schwierigkeiten, wenn sie sich in den 20er Jahren verschuldet hatten, etwa um neuen Boden zu kaufen oder die Produktion zu modernisieren. Sie konnten aber eher auf Förderungsmassnahmen des Staates rechnen. Die Reduktion der Anbaufläche von Baumwolle zugunsten des weniger arbeitsintensiven Weizens brachte in manchen Regionen ein Überangebot an Arbeitskräften und machte es den Grundbesitzern leicht, die Löhne zu senken. Das traf die Landarbeiter besonders hart, als 1933 die Maispreise wieder zu steigen begannen.

            Städtisches wie ländliches Proletariat bekam die Krise in Form von Arbeitslosigkeit bzw. Verringerung der Löhne und steigenden Lebenshaltungskosten zu spüren. Sidqis Politik der Förderung agrarischer Grossproduzenten und der einheimischen Industrie führte dazu, dass lebensnotwendiger Güter, wie Brot, Textilien, Zucker und Petroleum, teurer wurden oder zumindest nicht in dem Masse billiger wurden, wie das durchschnittliche Einkommen sank. (Vgl. TIGNOR 1984:142) Die Wirtschaftskrise wurde demnach von der Stadtbevölkerung verschieden erlebt: Für einen Teil der Unternehmer und Kaufleute brachte die Wiedererlangung der Tarifautonomie 1930 grosse Vorteile. Angestellte und Beamte profitierten von gleichbleibenden Einkommen, weil es zu einer Verringerung der Lebenhaltungskosten kam, doch war diese weit geringer als die Lohnkürzungen, die die Arbeiter hinnehmen mussten. Trotzdem konnte eine Reihe kleiner Unternehmer ihre Betriebe nicht mehr weiter führen und die Schliessungen brachten neue Arbeitslose, die ebenso wie Zuwanderer den Druck auf den Arbeitsmarkt verstärkten.
            1930 hatte Fuad erneut Wahlen und die Einrichtung einer Wafdregierung zulassen müssen. Dies und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise verursachten eine deutliche Belebung des Arbeitskampfes. Die Aktivitäten gingen weiter, auch als Mitte 1930 König Fuad Sidqui Pasha als Premier installierte. Trotz internationaler Unterstützung[17] blieben die Erfolge der Arbeiter gegen die Regierung Sidqi gering. Streiks und politische Proteste wurden durch Einsatz von Polizei beendet. "Wie in früheren Jahren führte die Unterdrückung einer Volksbewegung zum Wiederaufleben des Terrorismus, der wieder die Repression verschärfte, und die folgenden Jahre, gekennzeichnet durch Aussperrungen, Kurzarbeit und Lohnkürzungen waren hart für die Arbeiter." (BEININ/LOCKMAN 1988:202) Die Arbeitsbedingungen wurden kaum verbessert. Veränderungen betrafen die Arbeitszeit von Frauen und Kindern. Kinderarbeit, vor allem in den Textilfabriken, blieb aber weiter erlaubt. Die schwach organisierten Arbeiter konnten sich gegenüber den Vertretern der Industrie nicht durchsetzen, die gegenüber der Regierung mit der Gefährdung der wirtschaftlichen Entwicklung argumentierten.

4. Der Ausblick

 

            Die zunehmenden Spannungen und Proteste gegen die vom Hof eingesetzte Regierung seit Anfang 1934 brachten eine Rückkehr zur alten pluralistischen Verfassung und zur Koalition von König und Wafd. Es gab Neuwahlen, und im Mai 1936 trat zum dritten Mal eine Regierung der Wafd ihr Amt an. Sie erreichte im August 1936 ein Abkommen mit den Briten, das formal ein Ende der militärischen Besetzung und den Eintritt Ägyptens in den Völkerbund vorsah. Die Briten blieben jedoch im Sudan und im Suezstreifen. Ebenso behielten sie einen Militärstützpunkt in Alexandria.
            Nach dem Tode Fuads, 1936, wurde Faruk I König. Die Innenpolitische Szene wurde bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, unter einer Regierung der Wafd, von politischen Strömungen und Gruppen beherrscht, die weitgehend im Einklang mit jenen Kräften waren, die die politischen Entwicklung in Europa bestimmten. Spaltungen der Wafd liessen die tonangebende Gruppe innerhalb der Bewegung deutlicher hervortreten: Die Bürgerlichen und Grossgrundbesitzer. Es formierten sich auch extrem rechte und faschistische Bewegungen, wie etwa das "Junge Ägypten", die in enger Verbindung mit den faschistischen Achsenmächten standen. Das deutsche und italienische Interesse an Ägypten zeigte sich auch an intensiven inoffiziellen Kontakten.[18] Da gab es Zusammenarbeit im Bereich der Spionage, gemeinsame Eröffnung von Schulen und anderes mehr.
            Die Entwicklung der Gewerkschaften in der ersten Hälfte der 30er Jahre, die teilweise recht heftigen Auseinandersetzungen mit den autoritären Regierungen Sidqi und Yahya und die Verselbständigung der Bewegung unter ihrem Führer Abbas Halim, hatte nach dem Wiedererstarken des Wafd eine zeitweilige Spaltung der Gewerkschaften und vor allem eine Intensivierung der politischen Anteilnahme zur Folge. Auf längere Zeit brachten die Erfahrungen der Krisenjahre eine grössere Selbständigkeit der bis dahin von Wafd und Teilen der Oberschicht dominierten städtischen Arbeiterbewegung.
            Die Wafd öffnete 1936 den Zugang zu Offiziersposten in der Armee, der bis dahin den Angehörigen des Adels vorbehalten gewesen war ("les grandes familles"), den Söhnen aus Mittelklassenfamilien und aus dem Kleinbürgertum. Diese Armee, wirkungslos gehalten durch die Briten wie durch den Hof, schlecht bewaffnet und ausgebildet, kontrolliert und konkurrenziert durch die Polizei, bildete eine der Basen für eine nationale und antifeudale Bewegung. Ähnliche Tendenzen zeigten sich unter Arbeitern und Intellektuellen, ohne dass diese neue Bewegung vorerst gegen die etablierte Struktur aus Feudalismus und unbedingter Kontrolle der ländlichen Massen irgendwelche Erfolge hätte erzielen können.
            Die Verschärfung der Ungleichverteilung des nationalen Einkommens, die Zunahme landloser und Kleinstbauern auf der einen Seite und die Konzentration des Bodens in den Händen weniger Familien auf der anderen Seite, die Reduktion der Löhne bei steigenden Lebenshaltungskosten und nicht zuletzt das Anwachsen der Bevölkerung in den städtischen und ländlichen Gebieten setzte eine Entwicklung fort, die zuerst in der Zeit der Krise 29-33 spürbar geworden war. Sie führte 1952 zur kleinbürgerlichen Revolution der Offiziere unter Nasser.

 

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Primärgüterpreisverfall:

 

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[1] Eine Institution der Zwangsverwaltung aller Staatsfinanzen, die primär die Zahlung der Zinsen für jene Kredite sichern sollte, die der Khedive Ismael zwischen 1863 und 1875 gezwungen gewesen war aufzunehmen. In diesem Zeitraum war die Verschuldung von 3,3 Mio £ auf 91 Mio £ gewachsen, wobei von den Anleihen, die zu unglaublich schlechten Bedingungen aufgenommen wurden, nur 2/3 des Wertes überhaupt Ägypten erreichten. (ALBERTINI 1976, pp. 188f.)

[2] Noch 1913 gingen mehr als ein Viertel des Staatshaushaltes für Tributleistungen und Schuldendienst auf. Der nächstgrössere Posten wurde für Wasserbauten verwendet. Ganze 3,3% machte der Anteil für Bildung aus. (vgl. TIGNOR 1984:29f.)

[3] 1800: ca 2,5 Mio; 1869: 5,2 Mio; 1882: 6,8 Mio; 1897: 9,7 Mio; 1907: 11,3 Mio; 1917: 12,7 Mio; 1957: 26 Mio. (ALBERTINI 1976:193)

[4] Unterbrochen wurde diese "autokratisch-paternalistische" (ALBERTINI 1976:202) Herrschaft zwischen 1907 und 1911 durch eine "liberale" Phase, in der eine Ausweitung der formalen Beteiligung Einheimischer an der Regierung Hand in Hand ging mit der Verschärfung von Spannungen innerhalb der nationalen Bourgeoisie. So kam es 1910 zur Ermordung des koptischen Premierministers.

[5] Nachdem der Verlust eines Teils des traditionellen Marktes zu Kriegsbeginn einen Preissturz verursacht hatte, liess die kriegsbedingte Nachfrage die Preise zwischen 1915 und 1919 deutlich ansteigen.

[6] Fiel der Preis pro Quintar von 1913/14 (3,803 ä£) auf 1914/15 (2,402 ä£), so gab es danach einen beträchtlichen Anstieg bis 1919/20 (17.562 ä£). (BRESCIANI-TURRONI 1930:686) 1918 machte der Unterschied zwischen dem fixen Ankaufspreis und dem letztlich in England erzielten Kaufpreis noch einmal 3,875.000 ä£ aus, eine Differenz, von der die Briten ursprünglich die Hälfte einbehalten wollten, und die sie dann doch zur Gänze der ägyptischen Regierung überwiesen. (CROUCHLEY 1935:493ff.)

[7] "Unter der tatkräftigen Führung von Alexander Keown-Boyd wurde dieses Büro zu einem richtigen britischen Nachrichtendienst innerhalb Ägyptens. Es sammelte Daten über ägyptische Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und übermittelte sie der britischen Botschaftzur Verwendung." (TIGNOR 1984:47)

[8] Das betraf etwa die "kommunistische Bedrohung" und dementsprechen das Verbot der Kommunistischen Partei 1924.

[9] "Angesichts der ausländischen Konkurrenz, die immer bedrohlicher wird, hat der Staat nicht nur nichts getan, um die Industrie zu fördern, sondern es scheint vielmehr, dass man im Gegenteil jede Initiative in diesem Bereich zu lähmen versucht." So formuliert der in Istanbul geborene Generalsekretär des Industriellenverbandes I.G. Levi 1927 seinen Vorwurf an die ägyptische Regierung und das hinter ihr stehende metropolitane Kapital. Er gibt in der Folge eine Reihe von Beispielen, die seine These stützen: die Einfuhr von Rohmaterial wird mit höherem Zoll belegt als die fertiger Waren, Kontrollen und Auflagen für Unternehmer sind willkürlich, Regierung und Beamtenapparat ziehen ausländische Angebote den inländischen vor (wobei der Vorwurf der Bestechlichkeit nicht direkt formuliert wird), Importwaren profitieren von günstigeren Transporttarifen, u.a. mehr. (LEVI 1927:363ff.)

[10] Der "Egyptian Federation of Industries", 1922 gegründet, vertrat in erster Linie die Gemeinschaft der ausländischen Unternehmer in Ägypten. Sprachrohr dieser Gruppe war im übrigen die Publikationsreihe "L'Egypte contemporaine", die von der "Ägyptischen Gesellschaft für Politische Ökonomie, Statistik und Recht" herausgegeben wurde.

[11] Lee Stack war Oberbefehlshaber, "Sirdar", der ägyptischen Truppen und Generalgouverneur des Sudan.

[12] Sie konnte sich dabei auf das Vorbild des Federal Farm Board in den USA, ohne allerdings die dort gleichzeitig praktizierte Politik einer Einschränkung der Produktionsfläche zu verfolgen. (Vgl. BRESCIANI-TURRONI 1930:634f)

[13] Im August 1931 betrug der Preis für ägyptische Baumwolle in Liverpool 1/3 des Preises von August 1929. Er stieg bis 1939 auf etwa die Hälfte dessen, was zwischen 1920 und 1925 erzielt werden konnte. (TIGNOR 1984:113) Vgl. auch DAWLETSCHIN-LINDNER 1989:76.

[14] Ganz wesentlich war dabei die Entscheidung, dass nach dem Abgehen vom Goldstandard die Auszahlung von Aktionären in Geld und nicht in Goldwert zu erfolgen hatte.

[15] Eine Besteuerung des industriellen und sonstigen Einkommens erfolgte erst nach 1939.

[16] Chaichan (1988:33) stellt in einem Langzeitvergleich fest, dass die Wachstumsrate der städtischen Zentren sich zwischen 1927 und 1937 verringert. Dawletschin-Lindner (1989:36) beschreibt für den gleichen Zeitraum "mehrere Grossstädte, die stark anwuchsen", dass aber keine verstärkte Zuwanderung während der Krise erfolgt sei, sondern 2/3 des Zuwachses auf dem natürlichen Bevölkerungswachstum zurückzuführen gewesen sei. "Auch in Ägypten setzte der Exodus vom Land in die Stadt erst später, vor allem in den 40er Jahren, ein." (p. 132f)

[17] Internationaler Gewerkschaftsbund, ILO (LOCKMAN 1988:278). Zumindest im Fall der ILO erwies sich diese Unterstützung als sehr unternehmerfreundlich, hielt doch ihr Vertreter Harold Butler die Ägypter für noch nicht reif für eine moderne Arbeitsgesetzgebung und die beginnende Industrialisierung als vor höheren Arbeitskosten zu schützen. (TIGNOR 1984:144)

[18] Wobei der König selbst, wie viele einflussreiche Mitglieder der Bourgeoisie, ihre Sympathie für den Faschismus - gleichbedeutend mit Antisemitismus und antibritischer Einstellung - nicht offen deklarierten. Der spätere Präsident Sadat scheint ein typisches Beispiel für diese indezise und berechnende Einstellung zu geben. (vgl. SHOUKRI 1979:51)