Ägypten

Egyptians have broken a formidable barrier of fear”

In einem Gebiet zwischen Mittelmeer und Nilquellen entstand im 19. Jhdt. aus einer Kolonie des Osmanischen Reiches ein moderner Staat mit sehr alter Tradition, bei dem die Grenzen nach Süden, in rezenter Zeit auch gegenüber Israel im Osten, immer wieder verschoben wurden. Zu Beginn ihrer Darstellung der Landesgeschichte schreiben Hervé Bourges und Claude Wauthier (1979): „Eingeschlossen im unbeweglichen Rahmen eines fruchtbaren Tales, das am Beginn der menschlichen Geschichte ein einzigartiges Volk hervorgebracht hat, den Erfinder einer grossartigen Zivilisation, gelingt es der Arabischen Republik Ägypten nur noch um den Preis kolossaler Schulden seine Kinder zu ernähren.“

Die moderne Geschichte Ägyptens beginnt mit der Unterwerfung Ägyptens unter die türkische Oberhoheit und die kurze französische Besetzung unter Napoleon. Mit dem Khediven Mohammed Ali (1802-1848) wurde Ägypten eine einflussreiche Macht im östlichen Mittelmeer. Unter seinen Nachfolgern setzte die wirtschaftliche Modernisierung ein, die jedoch bald von den imperialistischen Staaten im eigenen Interesse beeinflusst wurde.

Grossbritannien setzte sich gegenüber den anderen Kolonialmächten durch. Seine wirtschaftliche und militärische Kontrolle Ägyptens - zwischen 1882 und 1956 – dauerte deutlich länger als die unmittelbare, politische in Form eines „Protektorats“ (1882/1914 bis 1922).

Ägypten wurde unter britischer Kontrolle von einem Staat auf dem Weg zu Modernisierung und Industrialisierung, dessen Wirtschaft auf die Erfüllung nationaler Bedürfnisse orientiert war, zu einer kolonialen Ökonomie, die Rohstoffe (Baumwolle) produzierte, zunehmend Lebensmittel importierte und deren Industrialisierung verhindert wurde.

Der Prozess der Modernisierung hatte bereits unter Mohammed Ali und seinen Nachfolgern eingesetzt, blieb jedoch auf die Oberschicht und auf zugewanderte bürgerlichen Gruppen beschränkt. Die Ansätze zu einer Modernisierung im Bereich der Bildung, aber auch der Beginn einer Industrialisierung mit dem Ziel einer importsubstituierenden Produktion, wurden von den Briten als „unproduktiv“ beseitigt. Die Zahl der nach westlichen Programmen ausgebildeten Ägypter sollte nach Ansicht der Briten möglichst klein gehalten werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg brachte der nationale Widerstand und ständige Verhandlungen eine stufenweise Unabhängigkeit, die 1922 mit dem Verzicht auf das Protektorat begann, 1931 mit der Erlangung aller Aussenwirtschaftsrechte und 1936 mit dem Ende der britischen Militärpräsenz fortgesetzt wurde und schliesslich 1956 mit der Besetzung des Suezkanals endgültig Geschichte war.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg ergab sich für die Wirtschaft keine wesentliche Änderung. Erst nach der „Revolution der Offiziere“ kam unter Abdel Nasser mit einer Agrarreform und der Industrialisierung eine neue Orientierung. Weitere wichtige Änderungen hängen mit der Aufschliessung von Erdölvorkommen, mit der Neuorientierung Ägyptens Richtung USA (und Abkehr von der Sowjetunion) unter Anwar es-Sadat und mit dem Ausbau des Tourismus zusammen. Ägypten wurde in dieser letzten Periode auch ein bedeutender „Lieferant“ von qualifizierter (und unqualifizierter) Arbeitskraft für die reichen ölproduzierenden Länder.

Ab den 1920er Jahren war das Land eine konstitutionelle Monarchie; der König versuchte - in einer Dreieckskonstellation von Hof, bürgerlichen Parteien und Briten - immer wieder seine absolute Macht durchzusetzen, scheiterte aber letztlich. Die Revolution von 1952 brachte ein kleinbürgerliches Militärregime an die Macht, das sich in ein Einparteienregime verwandelte und schliesslich unter Sadat von einer bürgerlichen Oligarchie nebst pseudodemokratischen Strukturen abgelöst wurde.

International war die Geschichte Ägyptens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einerseits von Nassers Politik, orientiert auf eine Grossmachtstellung im Nahen Osten bzw. Afrika und die Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Lager, geprägt, andererseits durch die Auseinandersetzung mit Israel. Nassers Nachfolger brachen mit dem Ostblock, überliessen das Feld der arabischen Vorherrschaft anderen, und wurden enge Vasallen der USA. Positiv zu bewerten ist in diesem Zusammenhang der Friedensschluss mit Israel, negativ die Tatsache, dass die US-amerikanische Entwicklungshilfe vor allem in den Ausbau der Armee und in Waffenkäufe  floss.

Die bescheidenen Ansätze zu einer Demokratisierung unter Sadat wurden unter dessen Nachfolger Mubarak wieder völlig erstickt. Mubarak „erbte“ eine Wirtschaft, deren Funktionieren vom Erdölpreis, den Transfers der MigrantInnen, den Gebühren des Suezkanals, den Erträgen aus dem Tourismus und nicht zuletzt von amerikanischer Entwicklungshilfe abhing. Die Gewinne und Investitionen der 1970er Jahre waren nicht in die industrielle oder landwirtschaftliche Produktion geflossen, sondern in die Taschen weniger Spekulanten. 1989 hatte das Land Auslandschulden von 50 Milliarden US-$, 50 Millionen Einwohner und eine Armee von 500.000 Mann, die  vier bis fünf Milliarden US-Dollar kostete, nahezu ein Viertel des gesamten Budgets. Die Arbeitslosenquote betrug über 20%, zwei Drittel des Weizens, den man brauchte, musste importiert werden und die Inflation lag zwischen 30% und 40%.

Massnahmen der Strukturanpassung, Rezession der Wirtschaft in den erdölproduzierenden Staaten und die Golfkriege bildeten ab 1990 den Hintergrund für autoritäre Regierung, gefälschte Wahlen und Verschlechterung der Lebensbedingungen der breiten Bevölkerung. Das Erstarken der islamistischen Bewegung und der Muslimbrüder brachte das Regime zunehmend in Bedrängnis. Letztlich führte der Protest junger Menschen auf der Strasse, im Gefolge des „arabischen Frühlings“, zum Sturz des Regimes.

Nachdem Mubarak 2011 unter dem Druck der Tahrir-Revolte das Land hatte verlassen müssen, übernahm die Armee erneut die Kontrolle der Politik. Dem Sieg von Mohamed Mursi in den Präsidentenwahlen 2012 und islamistischer Parteien in den Parlamentswahlen folgte sehr rasch Proteste gegen eine Islamisierung und Einschränkung der persönlichen Freiheiten. Die Proteste wurden der Militärführung Anlass, in einem Staatsstreich die gewählte Regierung, Verfassung und Parlament zu beseitigen. Eine neue Verfassung 2014 brachte das Verbot „religiöser“ Parteien und der Sieg des Armeechefs Abdel Fattah el-Sisi bei den Präsidentenwahlen die Rückkehr zu einem autoritären Regime.

Mit dem Vorgehen gegen Islamismus gewann el-Sisi die Unterstützung der USA und mit seiner Kooperationsbereitschaft im Kampf der EU gegen MigrantInnen aus dem Süden die Freundschaft der grossen europäischen Staaten. Repression und Gewalt gegen oppositionellen Protest kennzeichnen die Innenpolitik. Im September 2019 schrieb Mohamad Elmasry in Aljazeera online: Since the summer of 2013, more than 60.000 people have been arrested, many for protesting illegally; and hundreds of others have been forcibly disappeared. In detention centres and jails, there has been routine use of torture, including rape. Given the demonstrable authoritarianism and brutality of the el-Sisi regime, and the overall risk associated with all forms of public dissent, it is difficult to dismiss the current protests as small or insignificant. If nothing else, Egyptians have broken a formidable barrier of fear.”

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