Mayotte

Maoré farantsa

Mayotte, flächenmässig etwas kleiner als Wien, ist heute eines der fünf französischen Überseeterritorien, das jüngste und zugleich ärmste unter ihnen. Der Name Mayotte/Maoré wird zumeist vom arabischen „Yazirat al-mawt“, die „Insel des Todes“, hergeleitet, denn viele Seefahrer scheiterten an den Korallenriffen, die Mayotte umgeben. Die Bevölkerung wanderte seit dem 8. Jhdt. zu – aus Südostasien, Madagaskar, dem afrikanischen Festland und Arabien und hatte bis zur Kolonisierung schwer unter Überfällen von Sklavenjägern, Seeräubern und lokalen Machtkämpen gelitten.

Frankreich erwarb die Insel 1841 durch Kauf von Sultan Andriantsoli. Die Marine, Pionierin der kolonialen Expansion Frankreichs, betrieb den Erwerb von Mayotte aufgrund der strategischen Bedeutung im Kanal von Moçambique. Wirtschaftlich war auf Mayotte kein grosser Gewinn zu erwarten. Die klimatischen Bedingungen waren schlecht, es fehlte an Arbeitskraft und der Plan, aus Mayotte einen Umschlagplatz für den Handel im Indischen Ozean zu machen, scheiterte.

Die Pflanzer, zumeist aus Réunion, und französische Plantagengesellschaften versuchten eine Nutzung durch Anbau von Zuckerrohr; Die Zuckerproduktion scheiterte und um die Jahrhundertwende stellte die Kolonialwirtschaft um auf die Produktion von Parfumgrundstoffen, Vanille und Sisal. Mit der schrittweisen Inbesitznahme der anderen komorischen Inseln wurde Mayotte zu einem Subzentrum französischer Verwaltung. Für Verwaltungsbeamte und Kolonisten blieb die Insel wenig attraktiv und koloniale Investitionen blieben aus. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg kümmerten sich weder Frankreich noch die kolonialen Unternehmer um den Ausbau von Infrastruktur und Institutionen für Bildung und Gesundheit.

1946 wurden die Komoren ein Überseeterritorium (Territoire d’Outre Mer, TOM) und erhielten administrative Autonomie. Mayotte, obwohl Sitz der Kolonialverwaltung, blieb benachteiligt und seine Elite sah sich durch die Vertreter der übrigen Komoren bei der politischen Entwicklung ausgegrenzt . Als schliesslich Moroni auf Grande-Comore/Ngazidja statt Dzaoudzi auf Maotte zur Hauptstadt des TOM wurde, setzte sich vor allem der kreolische Teil der Elite verstärkt für eine Trennung von den Komoren und den Verbleib bei Frankreich („Departementalisierung“) ein.

In zwei Referenden, 1974 und 1976, sprach sich die Bevölkerung für den Status eine Departements aus und Frankreich machte aus Mayotte vorerst eine collectivité territoriale mit einem Präfekten an der Spitze. Die übrigen Komoren erklärten sich 1975 für unabhängig und versuchten, vergeblich, die Wiederangliederung Mayottes zu betreiben.

Mayotte war gesellschaftlich wie ökonomisch stark traditionellen Mustern verhaftet geblieben; Paris hatte in 130 Jahren Kolonialismus verabsäumt, Entwicklungsmassnahmen zu setzen. Mayotte erforderte eine soziale, wirtschaftliche und institutionelle Angleichung an die Bedingungen in Frankreich. Das erforderte Investitionen in die Infrastruktur, hohe Sozialleistungen und die Steuerung rascher Modernisierungsprozesse; der damit verbundene Aufwand erklärt die zögerliche Politik der französischen Regierung in Richtung auf Departementalisierung.

Die schwache bzw. einseitige Produktivität der lokalen Wirtschaft und damit verbunden das Handelsdefizit sind immer ein das zentrales Problem der Insel. 2017 standen Exporte von 7,7 Mio. € Importen von 547,9 gegenüber. Weitere Entwicklungshemmnisse sind das starke Bevölkerungswachstum und damit verbunden ein hoher Anteil von jungen Menschen, für die es nur wenig Arbeitsplätze gibt, unklare Besitzverhältnisse bei Boden, hohe Lebenshaltungskosten und vormoderne Gesellschaftsstrukturen.

2017 hatte Mayotte laut offizieller Statistik 256.518 Einwohner_innen, wovon mehr als die Hälfte keine französische Staatsbürger_innen waren. Eine Armutsquote von 77% und 30% Arbeitslosigkeit, die für junge Menschen noch deutlich höher lag, machen viele Menschen abhängig von Sozialhilfe, die jedoch auf Mayotte verglichen mit der Metropole bzw. den anderen Überseedepartements noch immer deutlich niedriger ist. Polygamie wurde zwar 2005 abgeschafft, ist aber immer noch präsent, und der eigene Rechtsstatus, gebunden an die Rechtsprechung der islamischen Richter (qadi) fiel erst mit der Departementalisierung 2011.

Es stehen zwar, vor allem seit der Anerkennung als Région ultrapériphérique der EU 2014, umfangreiche Mittel zum Ausbau von Infrastruktur, Bildung und Gesundheit zu Verfügung und ausführliche Pläne zur Entwicklung von Landwirtschaft und Fischfang wurden zu Genüge erstellt, doch ist diese Entwicklung für die breite Bevölkerung immer noch nicht spürbar. Verglichen mit der Metropole sowie anderen Überseedepartements ist Mayotte ein Armenhaus; verglichen mit den Nachbarstaaten ist es reich: Das Pro-Kopf-Einkommen ist zehnmal höher als auf den Komoren und 20mal so hoch wie in Madagaskar – in Frankreich ist es aber 4,5mal so hoch und auf Réunion immer noch 2,7mal.

Entwicklungshilfe und Transferleistungen sind wohl seit 2001 gestiegen, doch bleiben den lokalen Behörden drei nicht oder kaum lösbare Probleme: die Abhängigkeit von Paris, der Zustrom von Migrant_innen und die Armut vor allem der jungen Bevölkerung. Deren Proteste und Gewaltakte mit Tränengas und Gummigeschossen zu bekämpfen, ist keine Lösung, sondern verschärft die Lage.

 

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