eSwatini / Swaziland

Der Mythos von Harmonie und eine monarchische Diktatur

Aus der Vorbevölkerung - San - und einwandernden Ngwane sowie anderen Völkern wurden in vor- bzw. frühkolonialer Zeit die Swazi, durch den Druck von Aussen und die integrierende Kraft der Führungspersönlichkeit Sobhuta I. und seines Sohnes Swati II. Der kleine Binnenstaat – heute kleiner als Niederösterreich - mit Grenzen zu Moçambique und Südafrika blieb ebenso wie Lesotho eigenständig; er wurde im 19. Jhdt. zum Rückzugsgebiet der baNgwane/baSwati gegen die Buren. Letztlich war es nicht der Widerstand gegen Südafrika, sondern die Politik Grossbritanniens, die die Selbständigkeit sicherte.

Das Königreich hatte 1860 seine grösste Ausdehnung erreicht und verlor dann immer mehr Land. Die Swazi reagieren in hohem Masse passiv auf die Expansion der Europäer; das fruchtbare Gebiet der Kolonie lockt weisse Farmer und Minengesellschaften an. So kam es im Lauf der Kolonialzeit zur Teilung des Landes in Reservate und „weisses“ Territorium.

Die Entwicklung eines neotraditionellen Stils in allen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Sozialsystem) stand und steht einer grundlegenden Modernisierung bzw. Demokratisierung im Wege. Die Oberschicht verhinderte erfolgreich ein Vordringen der modernen Elite (etwa in Verbindung mit „local councils“). Opposition ist fast nur aus dem Exil (in Südafrika) möglich.

Die nationale Politik bestimmen Traditionalismus und „Harmonie“. Der Königshof förderte pseudotraditionelle Institutionen, die die gesamte Gesellschaft ökonomisch wie politisch einschlossen; gegenüber der Kolonialmacht, den weissen Siedlern und Unternehmern sowie internationalen Partnern setzte die Führung subtile Strategien. So etwa der Rückkauf des Landes durch Fonds, die von Wanderarbeitern gespeist wurden, oder hohe Bereitschaft, fremd gesteuerten industriellen oder Infrastruktur-Projekten zuzustimmen. Die Oberschicht steht gemeinsam mit der europäischen Bevölkerung gegen die breite Bevölkerung des Landes, die durch Wanderarbeit bzw. arbeitslos im formalen Sektor lebt oder von einer marginalisierten Agrarproduktion abhängig ist.

Die Wirtschaft zeigt eine duale Entwicklung der modernen und traditionellen Sektoren; in beiden Bereichen dominierten zunehmend der König und seine unmittelbare Umgebung. 1968 unabhängig geworden, hatte das Land eine Regierung, die durch den Monarchen und die Vertreter der weissen Bevölkerung kontrolliert wurde; ihren starken Einfluss sicherte Südafrika über die ansässige weisse Bevölkerung.

Das Land ist nahezu völlig eingebunden in die südafrikanische Wirtschaft (Währung, Zollunion); die Zollunion stellt einen grossen Teil des staatlichen Budgets. Der Abbau von Bodenschätzen wurde, vor allem nach der Schliessung des Eisenabbaus 1975, unbedeutend (2% der Exporte). Die Zuckerproduktion (11% des BIP) hat Absatzprobleme; die Wanderarbeit ist von kleinerer Bedeutung als in Lesotho, denn die eigene kapitalistische Landwirtschaft bindet Arbeitskraft. Derzeit wird die Arbeitslosigkeit jedoch auf etwa 40% geschätzt. Die Textilproduktion litt zwischen 2015 und 2019 an der Aufkündigung des zollfreien Zugangs zum US-amerikanischen Markt, auf dem 90% der Produktion abgesetzt worden waren. Hoffnungen setzt das Land – Mswati III. proklamierte 2018 einen Namenswechsel weg vom kolonialen „Swaziland“ zu „eSwatini“ – in die Produktion erneuerbarer Energie und Ausbau der Infrastruktur. Ein Drittel des Budgets geht für die Bezahlung der Staatsbediensteten auf.

Politisch ist eSwatini eine Diktatur in monarchischem Gewand, wirtschaftlich eine Peripherie Südafrikas, in der internationales Kapital (vor allem aus den USA) bestimmt. Gewerkschaften und Opposition, soweit vorhanden – die Verfassung von 2005 erlaubt formal die Gründung von Parteien – haben keine Möglichkeit Aktivitäten zu setzen; es finden zwar Wahlen statt, doch bestimmt letztlich der König über die Zulassung „parteifreier“ Kandidaten. Der Mythos von „Harmonie“, wie er immer wieder in den jährlichen Thronreden verkündet wird, soll den Bürgern glaubhaft machen, sie lebten in der besten aller Welten. Dabei hat das Land die weltweit höchste AIDS-Rate und wenn jemand anderer Meinung ist als der König, muss er ins Exil, erlebt er Gewalt und/oder landet vor Gericht.

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