Kap Verde

Ein Staat, der mindestens ebenso viele Bürger_innen im Ausland hat wie in den eigenen Grenzen leben

Die Kapverden, 10 Inseln im äussersten Westen des afrikanischen Kontinents, waren unbewohnt, als sie die Portugiesen Mitte des 15. Jhdts. in Besitz nahmen. Die Inselgruppe war und ist ein Knotenpunkt weltweiter Kommunikation: ein Umschlagplatz für Sklaven und Güter aus Afrika, Amerika und Europa, ein Raum für freiwillige und unfreiwillige Zuwanderer, ein Stützpunkt der Schifffahrt und des Flugverkehrs und vor allem ein Ort der Konfrontation unterschiedlicher Gesellschaften. Einwanderung wie Emigration haben eine grosse Bedeutung für den flächenmässig fünftkleinsten Staat Afrikas. Die historische Erfahrung seiner Bevölkerung - des Grossteils zumindest - ist nicht durch Gewinn und Überfluss, sondern durch Not gekennzeichnet.

Die Inseln wurden während der frühen Kolonisierung ökologisch abgewirtschaftet und waren ab dem 18. Jhdt von Unterstützung von aussen abhängig. Neben der Funktion als Stützpunkt der internationalen Schifffahrt gab es eine bescheidene Exportproduktion (der Farbgrundstoff urzela, Zucker oder Bananen), wobei die mittleren und grösseren Landgüter in portugiesischem Besitz und später im Besitz von Emigranten waren. Das einträglichste Geschäft war jedoch der Handel mit Arbeitskraft, der Sklavenhandel und später die Arbeitsverpflichtung von Menschen aus Kap Verde für andere Kolonien Portugals.

Bis zum Beginn des Estado Novo in den 1920er Jahren übte Lissabon eine nur oberflächliche Kontrolle über die Landherrn und die kreolische Bevölkerung auf den Inseln. Immer wieder kam es zu Aufständen der Sklaven, der Bauern und der Pächter auf Latifundien. Hunger und Epidemien kosteten in regelmässigen Abständen tausenden Menschen das Leben und zwangen grosse Teile der Bevölkerung zur Emigration. Bildung, wie sie die christliche Mission anbot, war eine wichtige Voraussetzung für Migration. Daher war die Einbindung in die koloniale (metropolitane) Kultur auch für die einfache Bevölkerung erstrebenswert. Wirtschaftlich liess sich aus dieser Modernisierung jedoch wenig Kapital schlagen.

Der faschistische Staat unter Salazar und Caëtano zeigte lange keine Bereitschaft seiner Kolonialherrschaft ein Ende zu machen. Ab den 1950er Jahren entstanden immer mehr antikoloniale Bewegungen, die in den 1960er Jahren beinahe überall den bewaffneten Kampf aufnahmen. Am erfolgreichsten unter den Befreiungsbewegungen war der Partido Africano da Independência da Guiné e Cabo Verde (PAIGC) unter Führung von Amilcar Cabral, der in Guinea-Bissau weite Teile als befreite Zonen verwaltete, seine Tätigkeit auf den Inseln jedoch auf Propaganda und Subversion beschränkte.

Am 25. April 1974 beendete die „Revolution der Nelken“ 44 Jahre Estado Novo und zugleich Portugals koloniale Herrschaft. Kap Verde und Guinea wurden unter Führung der Befreiungsbewegung unabhängig, trennten sich allerdings 1980 und nahmen eine sehr unterschiedliche Entwicklung. 1990 kam es in Kap Verde zu einer Verfassungsänderung mit Mehrparteiensystem und Volkswahl des Präsidenten und seither ist das Land einer der wenigen Staaten in Afrika, in denen es zu demokratischen Machwechseln zwischen Opposition und Regierung kommt.

Politiker, Freunde und Entwicklungsexperten sehen die Zukunft des Inselstaats, der auch in guten Zeiten nicht einmal ein Drittel seiner Bevölkerung aus eigener Produktion ernähren kann, durchaus optimistisch. Sie vertrauen auf die Unterstützung der Emigranten, der Geberstaaten des Nordens und auf die Anpassungsfähigkeit und Bildung der Einwohner des Landes; der Traum von einem Platz in der Weltwirtschaft, wie ihn Singapur oder zumindest Mauritius einnehmen, wird jedoch trotz aller Förderung von aussen noch länger ein Traum bleiben.

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