Seychellen

Inclusive Development with opportunities for all

Die Seychellen, 115 Inseln verstreut über ein Gebiet von 1.300.000 km2 zwischen Indien und Afrika, bilden den kleinsten Staat Afrikas. 1756 annektierte Frankreich den bis dahin unbewohnte Archipel und benannte ihn nach dem damaligen Finanzminister Comte Moreau de Séchelles. Aus französischen Siedlern, Sklaven und angelandeten Seeleuten und Piraten entstand im Verlauf des 18. Jahrhunderts eine kreolische Gesellschaft, die wirtschaftlich nie sehr erfolgreich war.

Mit den britisch-französischen Friedensverträgen von 1814 kamen die Seychellen in den Besitz der Engländer und wurden von Mauritius aus verwaltet. 1835, zum Zeitpunkt der Abschaffung der Sklaverei, bestand die Bevölkerung aus etwa 680 weissen oder metissierten Landherrn und 4.673 Sklaven. Die Wirtschaft, die bis dahin die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln garantieren hatte können, stellte sich nach der Sklavenbefreiung auf weniger arbeitsintensive Kulturen um, wie Kopra und Zimtbäume.

Wie bereits zur Zeit der Franzosen verwendete auch die Briten die Inseln als Verbannungsort für politische Gegner oder abgesetzte traditionelle Herrscher in den Kolonien. Die Bevölkerung wuchs ab Mitte des 19. Jahrhunderts und zeichnete sich durch extreme sozio-ökonomische Gegensätze aus. Einige wenige Landbesitzer aus der weissen bzw. kreolisierten Oberschicht und indische wie chinesische Kaufleute dominierten die Mehrheit aus armen Bauern, Landarbeitern, Handwerkern und Fischern. Der grösste Teil des nutzbaren Bodens gehörte der Oberschicht; die Teilnahme an der Politik blieb bis 1967 – Einführung des allgemeinen Wahlrechts – der besitzenden Klasse vorbehalten. Zimtrinde, Vanille, Nelken und Patschuli, vor allem aber Kokosnüsse (Kopra) machten die Exporte aus. Die Nutzung der Guanolager begann 1891 und wurde 1960 eingestellt, obwohl noch drei nutzbare Lager zur Verfügung standen.

Die Kolonie hatte ab 1903 eine eigene Verwaltung durch einen Gouverneur und einen Legislativrat, musste jedoch immer wieder durch die Metropole gestützt werden. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs begann auch für die Seychellen eine Periode kolonialer Entwicklungshilfe. Die Verfassungsreform von 1944 ermöglichte die Wahl von 4 Mitgliedern des 12-köpfigen Legislativrates durch einheimische Wähler (Zensuswahlrecht). Die Infrastruktur wurde ausgebaut und vor allem bemühten sich die Briten um eine Förderung des Agrarsektors. Ein landwirtschaftliches Entwicklungszentrum brachte verbessertes Pflanzenmaterial und förderte die Tierhaltung wie den Anbau von Tee. Die Verwaltung kaufte Boden an und verpachtete Parzellen an Kleinbauern.

Das Bevölkerungswachstum zwang zu einer vermehrten Auswanderung aufs afrikanische Festland, nach Mauritius, Réunion oder nach den Metropolen. Etwa 55.000 Menschen lebten Anfang der 1970er Jahre auf den Seychellen; rund 7.000 Arbeiter und junge Frauen hatten seit 1945 die Inseln bereits verlassen. Der Rückgang der Kopraerzeugung (als Folge steigender Konkurrenz auf dem Weltmarkt) und der Preisverfall bei Vanille als Folge der Erzeugung synthetischer Vanille brachten grosse Probleme für die Landwirtschaft. Armut und Arbeitslosigkeit lösten in den 1960er Jahren immer wieder Proteste und Streiks aus. Eine entscheidende Veränderung ergab sich durch den Bau eines Flughafens auf Mahé 1965 und die Errichtung einer Radarstation durch die USA schuf Arbeitsplätze.

Zwei Politiker bestimmten mit ihren Parteien die spätkoloniale Zeit und die frühe Unabhängigkeit: die Seychelles Democratic Party (SDP) unter Führung des Rechtsanwalts James Mancham und die Seychelles People's United Party mit France Albert René. Mit der Unabhängigkeit am 29. 6. 1976 wurde Mancham Präsident, René Premierminister. Im Sommer 1977 putschte René und etablierte ein Ein-parteienregime, das nach dem Vorbild Tanzanias dem Land eine sozialistische Entwicklung vorschrieb. Mancham lebte in England im Exil bis er mit der neuen Welle der Demokratisierung in den 1990er Jahren zurückkehren konnte. René hielt sich bis 2004 an der Spitze des Staates, überliess dann die Präsidentschaft seinem Vize James Michel, der seinerseits das Amt 2016 an seinen Vize Danny Faure übergab. Korruptionsvorwürfe standen in jedem Fall im Hintergrund, und seit den Parlamentswahlen 2016 muss Faure sich mit einer Volkvertretung abfinden, in der die frühere Opposition Linyon Demokratik Seselwa (Demokratische Union) eine Mehrheit hat

Tourismus und eine marktoffene Wirtschaft, vor allem im zweitwichtigsten Zweig, dem Fischfang, ermöglichten den Seychellen einen Aufstieg zum upper middle income country, was allerdings Nachteile im Bereich Entwicklungshilfe bringt. Dem Ranking des Human Development Report 2019 der UNDP nach steht der Inselstaat an 62. Stelle (von 189 Staaten), unmittelbar vor Serbien, als letztes Land der „sehr hoch“ qualifizierten und weit vor allen anderen afrikanischen Staaten. Die wichtigsten Entwicklungsprojekte erhalten Unterstützung von der EU (im Rahmen des Cotonou-Abkommens) aber auch die Zusammenarbeit mit arabischen und ostasiatischen Staaten ist eng. 2008 musste das Land aufgrund von Überschuldung ein Strukturanpassungsprogramm des Währungsfonds akzeptieren, was die üblichen Instrumente der Liberalisierung nach sich zog und die Diskrepanz zwischen der einkommenstarken Oberschicht und dem armen Teil der Bevölkerung weiter verschärfte.

In seiner Budgetrede vom Dezember 2016 versprach der Finanzminister „‘Inclusive Development with opportunities for all‘. This theme reflects our people’s expectations. What do we mean by inclusive development in the context of Seychelles? It means that no one will be left behind in our development. The wealth we created will be distributed to all in a fair, equal and transparent manner.“ Bleibt zu hoffen, dass die „Erwartungen der Bevölkerung“ auch Erfüllung finden.

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