Mauritius

You need to be defined by your competency and not by your birth. This is the type of mindset change that Africa needs to develop(Ameenah Gurib-Fakim: Biologin und von 2015 bis 2018 Präsidentin von Mauritius)

Mauritius, 950km östlich von Madagaskar, gehört zum Archipel der Maskarenen und war, ebenso wie die meisten anderen Inseln im Indischen Ozean, zu Beginn der Neuzeit unbesiedelt. Gelegentlich nützten sie Seefahrer als Stützpunkte. Auf arabische Kaufleute folgten im 16. Jahrhundert die Portugiesen (1507) und die Niederländer (1598), von denen die Insel nach Moritz von Nassau den heutigen Namen erhielt. Mauritius wurde ein Versorgungsstützpunkt für die Schifffahrt nach Indien und Südostasien. 1715 besetzte die französische Indische Handelsgesellschaft die Insel und benannte sie in Ile de France um.

Gouverneur Mahé de Labourdonnais förderte den Erwerb von Sklaven und den Zuckerrohranbau; solange die Inseln jedoch unter französischer Verwaltung standen, blieb Mauritius ein Versorgungsstützpunkt und Hafen der französischen Kriegsflotte, die sich gelegentlich gegen die Engländer behaupten konnte, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aber vor allem Piraterie betrieb. In den englisch-französischen Friedensverhandlungen von 1814/15 wurde die Insel unter dem früheren  Namen Mauritius schliesslich britische Kolonie.

Die Briten förderten den Anbau von Zuckerrohr; die Produktion von Rohzucker wurde zum dominanten Wirtschaftszweig und schliesslich nahmen die Zuckerplantagen gut 90% des nutzbaren Bodens ein. Nach der Sklavenbefreiung in den 1830er Jahren liessen sich die Freigelassenen – fast 3/4 der Gesamtbevölkerung – in den Ballungsgebieten nieder und wurden zu Handwerkern, Fischern, Arbeitern oder kleinen Bauern, die für die Versorgung der Stadt produzierten. Den Mangel an Arbeitskräften kompensierten die Plantagenbesitzer durch den „Import“ indischer Kontraktarbeiter. So ging die Ära der Sklaverei nahtlos in eine gesteuerte Arbeitsmigration über; die schlechten Arbeitsbedingungen änderten sich jedoch kaum.

450.000 Frauen und Männer vom indischen Subkontinent kamen wischen 1836 und 1907 als Arbeitsmigrant_innen und 2/3 von ihnen blieben. Die Bevölkerung wuchs auf nahezu das Vierfache, und 1901 stellten Inder 2/3 der gesamten Einwohnerschaft. Bis in die 1920er Jahre bildete sich eine Bevölkerungsstruktur heraus, die nicht Klassengegensätze, sondern die „ethnische“ Zugehörigkeit bestimmte. Die koloniale Politik des „Kommunalismus“ schuf vier unterschiedliche Fraktionen: Weisse oder auch Franko-Mauritier, Afrikaner und Kreolen, Chinesen sowie Inder, die wiederum in Hindu und Moslems unterteilte Abstammungsgemeinschaften bildeten.

Produktion und Absatz von Rohrzucker dominierten Wirtschaft und Gesellschaft. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg hatte nur die bürgerliche Minderheit die Möglichkeit, an den politischen Entscheidungen der Kolonialverwaltung teilzunehmen. 1936 gründeten Angehörige der Mittelschicht die Labour Party (LP), in der sich Angehörige verschiedener ethnischen Gruppen zusammenschlossen. Proteste und Streiks, Teuerung und Mangel als Folge des Weltkriegs und die spätkoloniale Entwicklung hin auf die Selbständigkeit brachten eine verstärkte Beteiligung der Indo-Mauritier am politischen Geschehen; Die Labour Party unter Seewoosagur Ramgoolam sicherte sich ab den 1950er Jahren in den Wahlen immer deutlicher die Führung und orientierte sich langsam hin auf eine Unabhängigkeit, die 1968 erreicht wurde.

Die 1960er Jahre waren geprägt durch wirtschaftliche und soziale Krisen. Zwei Wirbelstürme richteten schwere Zerstörungen an und brachten die strukturellen Probleme deutlich zutage: es gab Überbevölkerung, Arbeitslosigkeit und eine krasse Monokultur, von der nur eine kleine Oberschicht profitierte, während ein immer grösserer Teil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebte. Existenzangst und Rassismus, den einige Politiker immer wieder schürten, entluden sich 1965 in schweren Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Kreolen. Obwohl im Jänner 1968 erneut ethnische Konflikte zur Ausrufung des Ausnahmezustandes führten, wurde unter dem Schutz britischen Militärs am 12.3.1968 planmässig die Unabhängigkeit erklärt. Dieser Schritt war verknüpft mit der Abtretung des Chagos Archipels an Grossbritannien, das die Hauptinsel Diego Garcia den USA als Militärstützpunkt verpachtete. Seither kämpft Mauritius, mit Unterstützung internationaler Gremien, um die Wiedererlangung der Souveränität über dieses Gebiet.

Gemäss Verfassung war die britische Königin Oberhaupt des Staates, vertreten durch einen Generalgouverneur, und dem von ihm berufenen Führer der Mehrheitspartei kam die Position des Regierungschefs zu. Ramgoolam als Führer der siegreichen Koalition erhielt bald auch die Unterstützung der franko-mauritischen Bourgeoisie, die nicht zuletzt durch die hervorragenden Quoten, die Mauritius in Verhandlungen mit der EWG eingeräumt wurden, die Zuckerproduktion ausweiten konnte. Sie verstand rasch, dass sie unter der neo-kolonialen Kontrolle Englands (bzw. Europas) gar nicht schlecht abschnitt.

Mit dem MMM, Mouvement Militant Mauricien bekam die regierende Labour Party 1969 einen starken Konkurrenten. Extrem kritisch gegenüber den konservativen Parteien und ihrer Regierung, für Verstaatlichung und Nationalisierung von Unternehmen, wurde der MMM zum Ziel von Unterdrückungsmassnahmen durch die Regierung. Anlässlich der Wahl 1978, die dem MMM eine relative Mehrheit brachte, zeigte sich bereits eine inhaltliche Angleichung der politischen Fraktionen. Die nationale Politik wurde fortan durch drei Parteien bestimmt, die LP, der MMM und die sozialdemokratische Partei (PMSD), die ursprünglich vor allem mittelständischen Kreolen vertreten hatte. In wechselnden Koalitionen und unter wechselnden Parteinamen bestimmen diese drei Parteien bis heute die Politik des Landes.

Die 1970er Jahre brachten nicht nur die Verfestigung eines stabilen demokratischen Systems, sondern auch eine Neuorientierung der Wirtschaft, die Mauritius zum erfolgreichsten Staat Afrikas werden liess. Nach einer Krise der Zuckerproduktion, die bis dahin gut 90% der Exporte geliefert hatte, kam es zu einem Ausbau der Industrie in Export Processing Zones (EPZ). Den grössten Anteil (81%) hatte dabei die Textilverarbeitung, gefolgt von Uhren, Schmucksteinen und Schmuck. 1987 überstieg der industrielle Exportanteil bereits die Eingänge aus dem Zuckerexport. Eine entsprechende Verschiebung gab es auch bei den Arbeitsplätzen. Mit 85.000 Arbeitsplätzen bot die Industrie mehr als doppelt so vielen Menschen Beschäftigung wie die Zuckerverarbeitung. Dazu kam der Tourismus (400.000 Besucher im Jahr 1994, 800.000 in 2008), und nicht unbedeutend, ein starker Rückgang des Bevölkerungswachstums. Mitte der 1990er Jahre charakterisierten ein  Wirtschaftswachstum von 5 bis 6% und eine Arbeitslosenquote von 1,6% eine nicht nur für Afrika ungewöhnliche Situation. Ungewöhnlich war auch, dass neben den Fremdinvestitionen – denen günstige Bedingungen geboten wurden – einheimisches Kapital für mehr als die Hälfte des Wirtschaftswachstums verantwortlich war.

Trotz der guten Wirtschaftsentwicklung, die die Weltbank dazu brachte, Mauritius 2020 in die Gruppe der „high income countries“ (Pro-Kopf-Einkommen über 12.500 US-$) zu platzieren, lässt sich das Land doch nicht mit den „kleinen Tigern“ in Südostasien vergleichen. Die Diversifizierung der Wirtschaft, weg von Billigproduktion zu globalen Dienstleistungen (knowledge-based economy) ist erst am Beginn, die Zuckerproduktion leidet unter Veränderungen des globalen Marktes und Wirbelstürmen wie Überschwemmungen, und auch der Tourismus ist abhängig von Faktoren, die für die Planenden nicht beeinflussbar sind. Das führte nach 2000 wiederholt zu Einbrüchen, steigender Arbeitslosigkeit und hohen Lebenshaltungskosten. Neoliberale Regulierung schadete den Strukturen des Sozialstaats, brachte Arbeitslosigkeit und verschlechterte Möglichkeiten vor allem für junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt.

In einem Interview mit der Zeitschrift New African Woman sagte die frühere Staatspräsidentin Ameenah Gurib-Fakim: „I always acknowledge that donors have been very generous with their contributions, but we have to address African needs with African talent and we need to produce African knowledge. We can no longer be pacifists, we need to be activists.
But 50 years post- independence, our education systems have been geared towards producing managers of the system – civil servants. Our system was not geared to train innovators and scientists. We have had to change the system
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