Burkina Faso

Unsere politische Führung wurde gewählt um diese Probleme zu lösen

Burkina Faso ist ein Binnenstaat in kompakter Form; grosse Teile liegen in der Sahelzone und sind von Klimaverschlechterung und zunehmender Dürre betroffen.

Dominierende politische Gruppe war in vorkolonialer Zeit die Föderation der Mossistaaten im zentralen und nördlichen Burkina Faso, die sich im Vorfeld der Kolonisierung dem Islam öffnete. Im Süden und Westen sind die Gesellschaften eher kleinräumig organisiert und standen zum Teil. unter Einfluss von Staaten in Nachbarländern.

Die Kolonisierung durch französische Truppen erfolgte teilweise unter Einsatz brutaler Gewalt. Da weder eine kolonialpolitische noch eine wirtschaftliche Identität zustande kam, wurde Haute Volta immer wieder gemeinsam mit anderen Territorien verwaltet. Sie lieferte ausser Arbeitskraft kaum etwas und war ein Zuschussgebiet. Erst 1947 wurde sie eine eigene Kolonie, doch selbst mit der Unabhängigkeit 1960 war der umgrenzte Raum nicht endgültig definiert: Das führte zweimal zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen Obervolta / Burkina Faso und Mali.  

Die Modernisierung der Gesellschaft blieb auf wenige soziale Gruppen beschränkt; für die breite Bevölkerung erfolgte sie, wenn überhaupt, über Arbeitsmigration nach Ghana (Gold Coast) oder Côte d‘Ivoire. Aus der Orientierung nach Islam oder Christentum ergibt sich eine gewisse Polarisierung der nationalen Gesellschaft; zudem behielten die traditionellen Autoritäten bedeutenden Einfluss, vor allem bei den Mossi.

Im Zuge der Entkolonisierung und Unabhängigwerdung setzten sich zivilgesellschaftliche Gruppen (Lehrer, Beamte und Gewerkschaftsfunktionäre) gegen die sehr mächtigen traditionellen Autoritäten durch; letztere behielten aber einen bedeutenden Einfluss. Der Versuch des ersten Staatschefs Maurice Yameogo ein autoritäres Regime durchzusetzen scheiterte am Widerstand der Gewerkschaften und anderer Vertreter der Zivilgesellschaft. Die Armee übernahm ab 1966 immer wieder die Rolle eines Schiedsrichters, bis sie 1980 endgültig den labilen Zustand, der sich aus dem Wettbewerb zahlreicher politischer Fraktionen und Akteuren ergab, ein Ende setzte.

Die Wirtschaft orientierte sich dem 2. Weltkrieg stärker auf die Produktion von Baumwolle, bliebe jedoch weitgehend durch Subsistenz und „Entwicklungshilfe“ charakterisiert. Exportorientierte landwirtschaftliche Projekte erwiesen sich immer wieder als Fehlschläge; die Goldgewinnung, häufig in Form informeller Schürfungen, liefert heute ¾ des Exportwerts.

In der Zeit der durch das Militär geführten Regimes, die letztlich bis zum Sturz von Blaise Compaore im Jahr war 2014 dauerte, gab es eine revolutionäre Phase unter Thomas Sankara (1983 bis 1987), die wichtige Veränderungen brachte und vor allem in der jungen, städtischen Bevölkerung und bei Intellektuellen nachhaltige Unterstützung fand. Der Wechsel des Namens von Haute Volta zu Burkina Faso (dem „Land der Aufrechten“) ist dabei nur eine sehr sichtbare, aber eher unbedeutende Veränderung.

Im Programm der Regierung Sankara stand nicht nur die Entmachtung der alten politischen Klasse und der mit ihr verbundenen Vertreter des einheimischen Kapitals. Sankara sah seine Aufgabe in einer tief gehenden Veränderung der Gesellschaften des globalen Südens: „Notre révolution, au Burkina Faso, est ouverte aux malheurs de tous les peuples. Elle s’inspire aussi de toutes les expériences des hommes depuis le premier souffle de l’humanité. Nous voulons être les héritiers de toutes les révolutions du monde, de toutes les luttes de libération des peuples du tiers-monde.“ (Thomas Sankara parle. La révolution au Burkina Faso, 1983-1987, Atlanta: Pathfinder 2007)

Die beabsichtigte Neuordnung der bäuerlichen Produktion, angefangen von der Abschaffung der Kopfsteuern und der Modernisierung der regionalen Entwicklungsorganisationen, zielte auch auf eine bessere Beziehung zwischen Staat und bäuerlichen Produzenten und zugleich auf eine Schwächung der Allianz von Bauern und traditionellen Autoritäten. Die Einrichtung einer nationalen Vermarktungsorganisation für Getreide (Office national des céréales) sollte über die Einrichtung von Getreidespeichern den Versorgungskrisen ein Ende machen und die für einige Händler sehr einträgliche Spekulation mit Getreide unterbinden. Die Ermordung Sankaras setzte dem Versuch der Umsetzung ein Ende und Burkina Faso nahm wie die anderen afrikanischen Staaten eine Entwicklung geprägt von neoliberalen Wirtschaftsstrategien, Abhängigkeit von fremder Hilfe und Elitenherrschaft.

2014 brachte, wie bereits öfter in der Geschichte dieses Staates, zivilgesellschaftliches Aufbegehren einen unblutigen Umsturz der politischen Verhältnisse. 2015 wurde nach einer turbulenten Übergangsphase Roch Kaboré zum Präsidenten gewählt – die Opposition meldete sich jedoch bald mit heftiger Kritik: „Die politische und sozio-ökonomische Lage der Burkinabe ist sehr schwierig, weil die Regierung, die derzeit die Macht hat, gescheitert ist. [...] Wir verlangen eine engagierte Auseinandersetzung mit den Problemen der Bevölkerung: Arbeitslosigkeit der Jugend und der Frauen, Scheitern des Kleinhandels, mangelnde Sicherheit, ungenügende Gesundheitsversorgung, Korruption, Politisierung der Verwaltung etc. Unsere politische Führung wurde gewählt um diese Probleme zu lösen.“ (Zéphirin Diabré, Führer der oppositionellen Partei Union pour le changement, in Jeune Afrique, 11. Mai 2017)

Angesichts der wiederholten Massaker durch bewaffnete Banditen, einer drohenden Versorgungskrise im Sahelgebiet und der Abhängigkeit von Gebern und fremder Armeeunterstützung eine schwierige Aufgabe für diese Regierung, die sie jedoch besser bewältigt als die Regierung in Mali.

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