Madagaskar

200 Jahre soziopolitische und wirtschaftliche Krisen

Seit dem Beginn unserer Zeitrechnung ist die viertgrösste Insel der Welt, „la Grande Ile”, besiedelt; die Mehrheit der Bevölkerung stammt von Einwanderern aus dem indonesisch-malaiischen Raum ab, dazu kamen Afrikaner, Inder, Araber und europäische Abenteurer oder Kolonisten. Auf 587.041 km2 Oberfläche – Frankreich, Belgien und die Niederlande zusammengenommen – wohnten 2020 knapp 27 Millionen Menschen, so viele etwa wie in Belgien und Holland zusammen.

Bis ins 19. Jahrhundert konnten sich die einzelnen Nationen auf der Insel weitgehend selbstbestimmt entwickeln. Kolonisierungsversuche von Portugiesen, Holländern und Franzosen schlugen fehl. Im Hochland leben die Merina und Betsileo, die übrigen Bevölkerungsgruppen in der Ebene und an den Küsten. Im 19. Jahrhundert übernahmen die Merina ([mern(e)]) die Macht auf der Insel. Ihre Herrscher schufen ein zentrales Verwaltungssystem, und ein einheitliches Wirtschaftssystem. Es entstand ein Art Feudalstaat, mit einem sakralen König an der Spitze, Adelsständen, Bauernclans und Sklaven als unterste soziale Gruppe.

Kontakte mit England brachten protestantische Missionare ins Land, die 1820 die erste Schule gründeten. Dem Einfluss englisch(sprachig)er Protestanten im Hochland standen französische (katholische) Ansprüche auf eine Schutzherrschaft über die Küstenvölker gegenüber. 1896 unterzeichnete Königin Ranavolana einen Protektoratsvertrag und Madagaskar wurde „colonie française”.

Joseph Gallieni, Generalgouverneur von 1896-1905, schuf die Basis für die koloniale Vereinnahmung: Entmachtung der Merina, gewaltsame Unterdrückung rebellierender Völker, Ausbau der Infrastruktur und des Bildungswesens sowie Ansiedlung von Kolonisten und Kolonialgesellschaften. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Zwischenkriegszeit war gekennzeichnet durch den Ausbau der Infrastruktur und eine starke Nachfrage nach den agrarischen Exportprodukten Madagaskars. Kaffee, Reis und zunehmend Vanille, zu deren weltgrösstem Produzenten Madagaskar wurde, fanden über den zu kleinen Markt Frankreichs hinaus Absatz vor allem in Grossbritannien und den USA. Bedeutend war in diesem Zusammenhang die Zwangsverpflichtung lokaler Arbeitskraft.

Die Jahre 1945 und 1946 brachten zugleich mit dem politischen Aufbruch in die Reorganisation des französischen „Imperiums” eine Aufhebung der Zwangsarbeit und des „Eingeborenenstatus”. Die Madegassen begannen sich in Parteien zu organisieren, die die Segmentierung der Gesellschaft nach den in der Kolonialzeit geschaffenen bzw. verstärkten Trennungslinien abbildeten: Merina gegen Küstenbewohner, Protestanten gegen Katholiken, Assimilierte gegen Traditionalisten.

Im März 1947 brach ein Aufstand aus, an dem sich bis zu einem Viertel der Bevölkerung beteiligte. Ziele waren einerseits die französischen Garnisonen, anderseits weisse Kolonisten und europäisierte bzw. christianisierte Madegassen. Die Kolonialarmee schlug brutal zurück. Grosse Teile der Bevölkerung flüchteten in die Wälder. Erst Anfang 1949 konnte die Kolonialregierung die Bewegung endgültig niederschlagen. Zwischen 5.000 und 6.000 Madegass_innen wurden in raschen Verfahren verurteilt, davon über 40 zum Tode.

Die Wirtschaft des Landes hatte durch den Krieg und den Aufstand schwere Rückschläge hinnehmen müssen. Die Exporte machten 1950 nur noch 58% des Werts von 1938 aus und das wichtigste landwirtschaftliche Exportprodukt, Kaffee, war als Folge der Überalterung der Pflanzungen besonders betroffen. Die französischen Entwicklungsfonds förderten in erster Linie die Kolonisten, deren Zahl stark zunahm, und die im Entstehen begriffene nationale Bourgeoisie. Die Mittel wurden im Handel und in der gewerblichen wie industriellen Güterproduktion wirksam, kaum aber in der Landwirtschaft. Die verschiedenen Sektoren der Wirtschaft boten den Beschäftigten sehr unterschiedliche Einkommensverhältnisse, wobei die französischen Colons am besten ausstiegen.

In Vorbereitung des loi cadre von 1956 wurden die verbotenen Parteien wieder zugelassen und Madegassen an der Regierung des Territoriums beteiligt. In Anlehnung an die politischen Formationen der 1940er Jahre entstanden zwischen 1956 und 1958 Parteien in einem ständigen Prozess aus Spaltung und Fusion. Im Verlauf der Entkolonisierung wurde der Philibert Tsiranana mit dem PSD (Parti Social Démocrate) zum führenden Politiker Madagaskars. Mit einem föderalistischen Konzept wollte der PSD, der seinen Rückhalt in der Küstenbevölkerung hatte, eine Wiederherstellung der Merinavorherrschaft verhindern, doch als Regierungspartei optierten die Sozialdemokraten für Zentralismus als notwendige Vorbedingung nationaler Einheit.

Madagaskar wurde am 26. Juni 1960 unabhängig, schloss jedoch mit Paris sogleich Verträge der Zusammenarbeit ab: Verteidigung, Entwicklung, Militärstützpunkte und Verbleib in der Währungsgemeinschaft des Franc CFA.

Die neue Regierung unter Präsident Tsiranana begann sofort, erfolgreich, ihre Macht abzusichern. Mit einer Politik des „humanen Sozialismus” versuchte sie die beiden linken Oppositionsparteien MONIMA und AKFM zu schwächen. Es blieb bei Ankündigungen in Richtung „Sozialismus”, während die Privatwirtschaft, und hier wieder in erster Linie die ausländischen Unternehmen, breite Unterstützung fanden. MONIMA, getragen von städtischen Intellektuellen und Radikalen, mit einer Basis in der Küstenregion um Tulear, initiierte 1971 einen Aufstand der Bauern im Süden, gegen exzessive Besteuerung und Übergriffe der staatlichen Verwaltung. 1972 kam es gegen Ineffizienz der Verwaltung und Korruption erneut zu Protesten und die Polizei erschoss 45 Zivilisten. Der Präsident, krank und hilflos, überliess die Macht der Armee.

General Gabriel Ramanatsoa, ein Merina, bildete ein „apolitisches” Kabinett aus Militärs und Technokraten, das eine Nationalisierung der von Franzosen dominierten Wirtschaft einleiten sollte. Seine Regierung konnte aber die wirtschaftlichen und sozialen Probleme noch weniger in den Griff bekommen als ihre Vorgänger. Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsspitze zwangen Ramanantsoa 1975 die Macht an Oberst Ratsimandrava abzutreten, dem man ernsthafte Absichten zur Durchsetzung sozialer Reformen nachsagte. Es blieb ihm allerdings nur eine Woche im Amt, bevor er einem Mordanschlag einer Polizeieinheit zum Opfer fiel.

Im Juni 1975 installierten die Militärs den früheren Aussenminister, Fregattenkapitän Didier Ratsiraka, als neuen Staatschef. Im Dezember des gleichen Jahres sprachen sich in einem Referendum 94% für eine neue Verfassung, eine „Charta der sozialistischen Madegassischen Revolution” aus und bestätigen Ratsiraka für sieben Jahre in seinem Präsidentenamt – er wurde jedoch erst 1993 durch die Demokratiebewegung gezwungen zurückzutreten. Sechs Regierungen später beschlossen Oberstgericht und Parlament 1996 die Absetzung des 1993 gewählten Präsident Albert Zafy. Vorausgegangen waren endlose politische Streitigkeiten, Zerwürfnisse mit den Kreditgebern des Nordens, Unregelmässigkeiten bei der Privatisierung der Staatsunternehmen und ein ständig abnehmendes Interesse der Bevölkerung an Wahlen und Referenden. Es folgte noch einmal Ratsiraka als Staatschef, doch auch dieser war wohl imstande die Wahlen zu gewinnen; alles andere musste er lassen, wie es lief.

Die Zeit ab 2002 war geprägt durch eine Reihe von Krisen, die vor allem mit der Konkurrenz zwischen zwei Spitzenpolitikern zusammenhingen: Marc Ravalomanana und Andry Rajoelina. Beide sind Merina und „self-made“ Millionäre, begannen ihre politische Karriere als Bürgermeister von Antanarivo und passen sich den neoliberalen Konzepten der grossen Geber von Entwicklungshilfe an. Fast alle Wechsel in der Präsidentschaft waren durch gewaltsame Proteste begleitet und brachten diplomatische Interventionen afrikanischer und westlicher Staaten.

In Madagaskar wechseln zwar die Parteien, aber der Einfluss der „grossen Familien“ bleibt bestehen. Das zeigt nicht zuletzt die Verteilung der Ämter, bei der inzwischen die zweite und dritte Generation der politischen Aristokratie an der Reihe ist. Für die Bevölkerung bleibt die Lage desaströs. Das Nationaleinkommen pro Kopf ist für Madegassen seit der Unabhängigkeit ständig weniger geworden, während sich die Kaufkraft in anderen Staaten des subsaharischen Afrika nahezu verdreifacht hat. Die Gründe für eine immer wiederkehrende Krise sind für Jean-Marc Châtaigner (Madagascar: le développement contrarié,2014): Eine kleine Elite vereinnahmt alle Machtpositionen, Religion und Politik sind eng verknüpft, Nepotismus und Clientelen bestimmen die Verteilung und das Wahlverhalten, ethnische Gegensätze werden instrumentalisiert, massive soziale und wirtschaftliche Unterschiede spalten die Gesellschaft. Dazu kommt die wechselhafte Rolle der Armee sowie ein starkes Bevölkerungswachstum und damit verbunden Armut und Arbeitslosigkeit.

            „L’émergence de Madagascar comme nation est peut-être en cours, mais elle est toujours problématique.“ (schreibt Fremigacci 2014 in Madagascar ou l’éternel retour de la crise).

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