GUINEA-Conacry

„Dans l’histoire politique de la Guinée, le peuple n’a jamais existé“

Frankreich fasste vier unterschiedliche Zonen, von der Naturlandschaft und den Wirtschaftsräumen her gesehen, zu einer Kolonie zusammen, die wesentlich ein Binnenstaat mit einer schmalen Anbindung an die Küste ist.

Die vier Regionen haben eine deutlich unterschiedliche vorkoloniale Geschichte und waren an verschiedene Zentren in Senegal, Mali, Elfenbeinküste angebunden bzw. ihre Bewohner haben kulturelle Gemeinschaft mit Völkern in den angrenzenden Staaten, mit eingeschlossen Sierra Leone und Liberia.

Die koloniale Inbesitznahme erforderte erheblichen militärischen Einsatz, vor allem in der Auseinandersetzung mit dem islamischen Militärstaat des Samori Touré. Am beharrlichsten war der Widerstand gegen die Franzosen in den Waldregionen, wo die Kolonisatoren bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges immer wieder um die Kontrolle des Landes kämpfen mussten Die koloniale Verwaltung nach dem Ende des primären Widerstands erwies sich allerdings als relativ problemlos. Frankreich tätigte nur sehr geringe koloniale Investitionen, denn Guinea hatte bis in die späte Kolonialzeit der Wirtschaft Europas wenig zu bieten. Erst in den 1950er Jahren begann die Aufschliessung der guineischen Bodenschätze.

Da Frankreich nur wenig in ein modernes Schulwesen investierte, mangelte es an Fachkräften, und die Verwaltung rekrutierte ihre Angestellten in anderen westafrikanischen Kolonien. Die einheimische Arbeitskraft fand eher in schlecht bezahlten Bereichen Verwendung, und erst nach 1945, mit einem weiteren Ausbau der Infrastruktur und einer bescheidenen Industrialisierung stieg auch die Zahl derer, die auf Dauer von Lohnarbeit lebten. Die Modernisierung erfasste die kleine Gruppe der Lohnabhängigen in der Verwaltung, im Transportbereich und im Handel sowie jene Einheimischen, die sich als selbständige Händler gegen die franz. Handelshäuser und die syro-libanesischen Kaufleute durchsetzen konnten.

Die Gewerkschaften hatten in Guinea stärkere Bedeutung als in anderen westafrikanischen Staaten. Die Erfolge der Gewerkschaft, wie etwa die des Streiks von 1953, bildeten die Grundlagen für die politische Laufbahn Sékou Tourés, der die Politik des Landes im Guten wie im Schlechten bis 1980 bestimmte.

Unter Führung von Sékou Touré votierte Guinea 1958 gegen de Gaulles Communauté und es kam zu einer heftigen und raschen Entkolonisierung. Im Diskurs der antikolonialen Bewegung war Sékou Touré ein Held und Vorbild für die übrigen afrikanischen Politiker. Die Absage Guineas an de Gaulle war für die politische Emanzipation Afrikas ein ebenso wichtiges Signal wie die Unabhängigkeit Ghanas. Allerdings zeigte sich bald, dass vieles Fassade war, was den „Pionierstaat“ Guinea ausmachte, und dass sein Staatschef vor allem daran interessiert war, seine Macht ohne Rücksicht auf Menschenrechte und politische Ideale zu halten.

Nach dem 2. Weltkrieg hatte sich Guinea von einem Agrarstaat zu einem Exporteur von Mineralen (Bauxit, Eisen, Gold) gewandelt, doch konnte die Regierung des unabhängigen Guinea kaum Einfluss auf die Nutzung dieser Bodenschätze nehmen. Es kam vielmehr zur Herausbildung eines extrem autoritären und brutalen Einparteienstaates, der 2 Mio. Guineer ins Exil trieb und das Land wirtschaftlich ruinierte. Sékou Tourés Politik einer „positiven Neutralität“ war insofern erfolgreich, als sie Guinea von einer einseitigen Bindung an Frankreich und französisches Kapital befreite. Zu einer wirtschaftlichen Souveränität reichte es nicht, und die wenig abgestimmten staatlichen Massnahmen stürzten das Land bald in eine „ökonomische Anarchie“.

Der Personenkult um Sékou Touré wurde ein zentraler Bestandteil des politischen Lebens. Die Einheitspartei und die ihr angegliederten Organisationen übernahmen die Kontrolle über die Bürger, bis hinein in Kleinigkeiten des täglichen Lebens. Der Staatschef erfand immer häufiger Verschwörungen, um sich potentieller Gegner zu entledigen. „Wie konnte sich“, fragte Ibrahima Baba Kaké 1987 in seinem Buch „Sékou Touré, le héros et le tyran“, „Sékou Touré angesichts unzähliger Gegner so lange behaupten? Was war seine Methode? Die Antwort ist möglicherweise einfach. Sékou Touré hatte als Person eine bestimmte historische Legitimität, er allein repräsentierte den Staat und konnte daher die Guineer auf Dauer entzweien; man muss aber auch sagen, dass nirgendwo anders in Afrika die Armee in diesem Ausmass zur Statistin degradiert wurde“.

Angesichts eines totalen Niedergangs wandte sich der Präsident in den 1980er Jahren wieder Frankreich zu. Die Rehabilitation Guineas wurde jäh unterbrochen, als Ende März 1984 Sékou Touré einem Herzinfarkt erlag. Die nachfolgende Militärregierung bekam zwar auch Unterstützung durch Weltbank und IMF, doch die Wirtschaft und der Glauben der Menschen waren so weit zerstört, dass der Neubeginn im Zeichen des Neoliberalismus keine Besserung brachte, sondern Sparprogramme, Korruption und Abhängigkeit von fremden Akteuren.

Die Demokratisierung in den 1990er Jahren brachte zahlreiche Parteien, aber auch eine Verschärfung tribalistischer Gegensätze. Die Wahlen liefen in totalem Chaos ab - fehlende Wählerlisten, fehlende Stimmzettel, Wahllokale und Urnen in Flammen - und schliesslich wurde auch die Auszählung der Stimmen manipuliert. Die Bevölkerung erlebte, gewohnt an Desaster, den totalen Zusammenbruch der Infrastruktur, Inflation, Arbeitslosigkeit und eine florierende Parallelwirtschaft.

Proteste zeigten keine Wirkung auf die von Militärs kontrollierte Regierung und 2001 liess sich Präsident Lansana Conté durch ein Referendum das Amt auf Lebenszeit zuerkennen. Er starb 2008 und hinterliess ein geplündertes Land und eine zahlreiche Familie, die sich um ein angebliches Vermögen von 450 Mio. US-$ stritt.

Es dauerte 2 Jahre bis zur Wahl eines neuen Präsidenten und erst im September 2013 gab es Parlamentswahlen. Trotz zahlreicher Unregelmässigkeiten akzeptierten sie die Global Players als Fortschritt. Inzwischen werden die längst fälligen Neuwahlen immer wieder verschoben, u.a. mit dem Argument, eine neue Verfassung müsste abgestimmt werden.

Am 1. November schrieb Ahmadou Sadjo Barry auf der Seite von Guineenews.org: „Um ihre jeweiligen Forderungen zu rechtfertigen appellieren Regierung wie Opposition an das Volk von Guinea. ‚Ich werde tun, was das Volk von Guinea will‘, meinte [Präsident] Alpha Condé gegenüber Le Monde. Will man der Opposition glauben, dann ist die Massendemonstration vom 24. Oktober der Ausdruck des Volkes gegen eine Revision der Verfassung, die dem Staatschef eine dritte Amtsperiode zugesteht. [...] Ohne lang politisch oder philosophisch herum zu reden: in der politischen Geschichte Guineas hat es das Volk nie gegeben.“ (ttps://www.guineenews.org/le-peuple-de-guinee-un-peuple-qui-attend-de-naitre/, 01.11.2019)

INFO Guinea

BIB allgemein