Ghana

„Revolutionäre Aktivitäten sind kein Ersatz für produktive Arbeit“

Das Land ist seiner äusseren Form nach ein kompaktes Territorium, das aus zumindest 4 unterschiedliche Regionen besteht, die sich aus der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der vorkolonialen und frühkolonialen Zeit herleiten. Ghana nannte sich das koloniale Territorium Goldküste mit der Unabhängigkeit, nach dem alten Reich der Mande westlich von Timbuktu, dessen Macht 1076 durch die Almoraviden gebrochen worden war.

Im 19. Jhdt. kontrollierte das Königreich Asante, eigentlich eine Föderation mehrerer Staaten, über die der Asantehene von Kumasi, die Oberherrschaft hatte, einen grossen Teil des heutigen Staatsgebietes und vor allem den Handel. Vom Süden her kam es, in Verbindung mit immer stärkeren transatlantischen Handelskontakten und mit der britischen Landnahme zur Aufweichung dieser Zentralmacht, die um die Wende zum 20. Jahrhundert nach langen Auseinandersetzungen mit den Briten ihre Souveränität aufgeben musste.

Die britische Kolonisierung setzte zuerst in einigen Zentren des Südens (Accra, Cape Coast) ein und führte dort zur Entstehung eines einheimischen Bürgertums, das bis ins 20. Jahrhundert eine einflussreiche Rolle spielte. Sie blieb politisch bedeutend, verlor aber den grössten Teil der wirtschaftlichen Macht. Die Kolonie bestand 1902 aus drei Provinzen: Colony, Asante und Northern Territories; dazu kam nach dem Ersten Weltkrieg die (Trans-)Volta Province, die der Völkerbund den Briten zur Treuhandverwaltung überliess.

Erstes wirtschaftliches Ziel der Kolonisierung war es, die Kontrolle der einheimischen Handelsmächte, vor allem der Asante, über den Fernhandel zu brechen. Dann sicherte sich das koloniale Kapital die Bodenschätze (Gold) und griff in die „Vermarktung“ der Arbeitskraft ein. Cash crops - vor allem Kakao - wurden durch einheimische Bauern, sowie mittlere und grosse einheimische Pflanzer produziert, aber von kolonialen Gesellschaften vermarktet. Die einflussreichen Pflanzer wehrten sich dagegen vor allem in der Zwischenkriegszeit durch Streiks und Klagen bei Gericht. Der letzte cacao hold up (1937/38) und die Kriegswirtschaft brachten den Cacao Marketing Board als staatliche Vermarktungsorganisation, der bis in die 1960er Jahre eine wichtige Rolle spielte.

Die soziale Modernisierung erfasste die Völker unterschiedlich - im Norden kaum; im Süden schon seit Anfang des 19. Jhdts. Eine bedeutende Rolle spielten die christliche Missionen und das moderne Bildungswesen in den Städten des Südens. Der Norden als Ausgangsgebiet der Arbeitsmigration war von den Veränderungen eher negativ betroffen. Vor allem in den Minen setzten sich die Lohnarbeiter aus dem Norden - meist unter Tag beschäftigt – jedoch heftig gegen die Verwaltung und die Vorarbeiter aus dem Süden zur Wehr. In den 1950er und 60er Jahren kam es zu zahlreichen Streiks.

Das britische Kolonialsystem überliess den lokalen Beamten viele Kompetenzen; zugleich sollte die Verwaltung möglichst wenig kosten, daher gab es wenige britische Beamte und Militärs. Der Norden, Asante und Transvolta wurden über die einheimischen Chefs und die traditionellen politischen Gremien verwaltet. In der colony bestand bereits seit Mitte des 19. Jhdts die Möglichkeit einer Mitsprache für lokale Eliten. In der Zwischenkriegszeit wurden mehrere Parteien und Gewerkschaften gegründet; nach 1945 unterlag das Bürgertum aber einerseits der kleinbürgerlichen Bewegung um Kwame Nkrumah, anderseits den Chiefs, die ihren Einfluss wirtschaftlich wie politisch bewahren konnten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte ziemlich rasch eine Übergabe der politischen Macht an nationale Vertreter; sie hatten bereits 1945 eine Mehrheit der Sitze im Legislativrat. 1951 gewann die Convention People’s Party (CPP) überlegen die Wahlen und Nkrumah wurde Regierungschef. Die folgenden Jahre waren geprägt durch heftige Auseinandersetzung: die CPP strebte einen Zentralstaat an, während die Opposition, vor allem in Asante, eine föderalistische Struktur wollte. Die Regierung Nkrumah setzte gemeinsam mit der Kolonialverwaltung ihren Standpunkt durch. Der autoritäre Charakter der Ersten Republik zeichnete sich dabei bereits in der Vorbereitung der Unabhängigkeit, die Ghana 1957 erreichte, durch.

Wirtschaftlich verlor der Bergbau in den 1950er Jahren an Bedeutung und Kakao wurde wieder das wichtigste Exportprodukt. Die finanziellen Reserven, die sich aus der zentralen Vermarktung durch den Cacao Marketing Board ergaben, sollten laut Plan für die Industrialisierung des Landes verwendet werden, doch gelang es dem Staat nicht, seine Wirtschaftspolitik erfolgreich zu gestalten. Investitionen blieben aus und Bürokratie und Korruption verbrauchten die Reserven. Ghana schlittert bis in die 1980er Jahre in immer grössere wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Der wirtschaftliche Niedergang brachte 1966 das Ende der „Präsidialdiktatur“ Nkrumahs. Unter den nachfolgenden Regierungen - Militärs, Zweite Republik, Militärs, Dritte Republik – versank das Land immer stärker in Verschuldung und Korruption. Anfang der 1970er kam eine kurze Phase der Erholung, doch in den Jahren nach 1975 erlebte Ghana einen wirtschaftlichen und sozialen Niedergang wie nie zuvor. Der hohe offizielle Wechselkurs des Cedi, die niedrigen Produzentenpreise für Kakao, die Ghanas Anteil an der Weltproduktion zwischen 1970 und 1980 von 29% auf 17% schrumpfen liessen, die Nationalisierung von Unternehmen und vor allem die Misswirtschaft und Korruption der zweiten Militärregierung führten zum totalen Zusammenbruch.

Es entstand eine Schattenwirtschaft, gefördert durch die Verteilung von Einfuhrgenehmigungen und die Zuteilung der knappen Devisen. Staatliche Preisregelung machte bestimmte Produkte des täglichen Lebens zu knappen Gütern. Die Privilegierten, die über Bons und Zuteilungen billig kauften, verkauften die Waren mit hohem Profit auf dem Schwarzmarkt weiter. Die Voraussetzung für die raschen Gewinne war die Spanne zwischen dem offiziellen und dem realen Wert des Cedi: Devisen brachten auf dem schwarzen Markt das Fünf- bis Zehnfache.

Die Ablösung der Militärs durch eine Zivilregierung konnte den Verfall nicht stoppen. Angesichts der aussichtslosen Wirtschaftslage übernahm Fliegerleutnant Jerry Rawlings Ende 1981 die Macht, hob die Verfassung auf und verbot die Parteien. Rawlings richtete einen “Provisorischen Nationalen Verteidigungsrat” ein, und sicherte sich die Zusammenarbeit von Zivilisten aus der Beamtenschaft und von den Universitäten. Preiskontrolle, Eindämmung der Korruption und die Untersuchung von Vergehen der früher dominierenden Politiker und Wirtschaftstreibenden - die vor allem das unrechtmässig gewonnene Geld zurückgeben sollten - waren die wichtigsten Punkte der neuen Politik.

Mitte 1983 verkündete Rawlings: “Schluss mit den leeren Theorien”. Angesichts mehrere Umsturzversuche, schlechter wirtschaftlicher Entwicklung und einer Dürreperiode in der Landwirtschaft forderte der Staatschef „Produktion und Effizienz. Der populistische Unsinn muss einem populären oder unpopulärem Sinn Platz machen [...] Viele von uns haben sich zu lange den Kopf darüber zerbrochen, wem was gehört. Aber man kann nichts besitzen, ohne dass man zuerst etwas produziert [...] Revolutionäre Aktivitäten sind kein Ersatz für produktive Arbeit.“ (West Africa 3448, 12.9.1983:2103)

Rawlings zog mit Unterstützung von Weltbank und IMF eine rigorose Strukturanpassung durch – Ghana zeigte alle Merkmale eines autoritären Entwicklungsstaates. Die Bevölkerung durchlebte harte Zeiten, doch besserte sich die Situation in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre und das Regime akzeptierte eine Demokratisierung der politischen Verhältnisse. Rawlings schied nach zwei Amtsperioden aus der Politik aus, und Ghana ist seither einer der wenigen afrikanischen Staaten, in denen saubere Wahlen, demokratischer Machtwechsel und eine unabhängige Rechtsprechung die Regel darstellen.

Ghanas Wirtschaft wird wohl auch von der Schwankung der Weltmarktpreise – Gold, Kakao, Erdöl – betroffen, besitzt jedoch dank einer kompetenten Elite und einer funktionierenden Demokratie die Stärke, Krisen zu überstehen. Das Auswärtige Amt der BR Deutschland sieht die Zukunft durchaus positiv: „Das Wirtschaftsprogramm der seit Januar 2017 im Amt befindlichen Regierung enthält eine Vielzahl von geplanten Maßnahmen zur Stärkung der Landwirtschaft und Industrie, darunter Steuersenkungen, Anreize für den Privatsektor und Ausbau der Infrastruktur.“ Die Entwicklungsstrategie bleibt also dem Modell der global Mächtigen verpflichtet.

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