Südafrika / Republik Südafrika

Angela KöckritzDie Gräben in der Gesellschaft sind tief In: DIE ZEIT Nr. 1/2018, 6. Dezember 2018 <https://www.zeit.de/2018/51/suedafrika-ungleichheit-enteignung-regierung/seite-2>

Kapstadt – eine Stadt, so geteilt, dass man es kaum fassen kann. 2018 feierte Südafrika den 100. Geburtstag Nelson Mandelas und damit auch seine Vision der Regenbogen-Nation. Der Immobilienmakler Turner nennt ihn "einen fantastischen Marken-Botschafter". Aber Südafrika hat sich weit von Mandelas Vision entfernt. Nach Zahlen der Weltbank gibt es in keinem Land der Welt größere Ungleichheit. Und seit dem Ende der Apartheid hat sie sogar noch zugenommen. Sie zeigt sich in vielen Bereichen: Bildung, Gesundheit, Einkommen, Wohlstand, Erbe. Kein Thema aber ist heute umkämpfter als das des Landbesitzes.

Es hat nach dem Ende der Apartheid zu Beginn der Neunzigerjahre durchaus Versuche gegeben, das Land gerechter zu verteilen. Doch noch immer befinden sich 72 Prozent des südafrikanischen Farmlands im Besitz der neun Prozent weißer Bürger. Noch immer sind die Städte weitgehend nach Hautfarben segregiert. Wie genau die Regierung das mit ihrer Landreform ändern will, wem danach die Enteignung droht, ist noch unklar. Aber schon jetzt hat die Auseinandersetzung darum offengelegt, wie tief die Gräben in der südafrikanischen Gesellschaft sind.

Nande Mtshamba, 29, ist aus Wut darüber zum Aktivisten geworden. Der schmale Mann mit Intellektuellenbrille stellt mit sanfter Stimme harte Forderungen: "In Afrika ist es so: Fordern die Menschen friedlich etwas, bekommen sie es nie. Man hört nur auf sie, wenn sie zu Gewalt greifen." Er lächelt dabei freundlich. Mtshamba stapft über die Reste einer Siedlung von Landbesetzern hinweg, die in der Nacht zuvor abgerissen wurde, geblieben sind ein paar Latten, Socken und ein rosafarbener BH. Der Soziologiestudent ist Landaktivist und Provinzsekretär der Studentenvereinigung der Economic Freedom Fighters, jener Partei, die die Verstaatlichung allen Landes fordert.

Er kritisiert die Haltung der Regierungspartei, des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC): "Er erklärt, Südafrika gehöre Schwarzen, Weißen und Indern. Wir sagen ganz klar: Das Land gehört den Natives, den Schwarzen." Und die müssten sich endlich befreien. Es reiche ihm nicht, wenn ein Weißer ihm freiwillig Land zurückgebe: "Das wäre ja so, als hätte er Mitleid mit mir. Die Weißen haben unsere Würde und Kultur vergewaltigt. Und damit wir frei werden, müssen wir ihnen vielleicht das Gleiche antun. Ich kann einen Weißen nicht als Menschen sehen. Dafür müssten erst mal die historischen Erinnerungen aus meinem Gedächtnis gelöscht werden." Dann schiebt er einen Satz nach, als wolle er sein Gegenüber beruhigen: "Wir sagen nicht, dass wir die Weißen rausschmeißen werden." Aber er lacht und macht eine Kunstpause, als wolle er andeuten: Vielleicht tun wir es eines Tages doch.

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