Republik Kongo - Kongo-Brazzaville

Kiki le pétrolier

Den Kongo aufwärts und seine Nebenflüssen entlang zogen die Pfadfinder des europäischen Kolonialismus: für Belgiens König der Süden, für Frankreich der Norden. Verträge mit einheimischen Fürsten schufen die Grundlagen für die Ansprüche auf zentralafrikanische Gebiete, die Frankreich beim Berliner Kongress 1884/85 erhob. Erst spät erhielt der Staat seine heutigen Grenzen. 1910 wurde Brazzaville Hauptstadt des 3,3 Mio. km2 grossen „Afrique Equatoriale Française“ (AEF).

2/3 des Landes sind von Wald bedeckt; knapp kleiner als Deutschland, hat die Republik Kongo – um die Verwechslung mit der Demokratischen Republik Kongo zu vermeiden spricht man oft auch von „Kongo-Brazzaville“ – nur 5 Millionen Einwohner. 70% der Bevölkerung leben in Städten, vor allem in und um Brazzaville bzw. Pointe-Noire.

Frankreich überliess die Nutzung der Kolonie Kolonialgesellschaften. Ihre Raubwirtschaft bewirkte tiefgreifende Veränderungen, aber ebenso das gelegentlich nicht weniger harte Vorgehen der Verwaltung, die gezwungen war sich aus dem Land zu finanzieren. Trägerdienste, Zwangsarbeit, Steuern und Requisition von Produkten kosteten der traditionellen Gesellschaft viel Substanz und zerstörten ihre Grundlagen. Damit wurde die Bildung einer kolonisierten Gesellschaft ermöglicht, in der die Bauern als Reserve für Lohnarbeit oder als billige Produzenten von landwirtschaftlichen Exportprodukten (Baumwolle, Kaffee, Kakao) fungierten.

Der Widerstand gegen die Kolonisierung führte in den 1920er Jahren zur Entstehung einer religiös-politischen Bewegung unter Führung von Andre Matswa. Matswa wurde verbannt, setzte sich nach Paris ab, meldete sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als Soldat, wurde erkannt, verhaftet, und in Brazzaville erneut verurteilt. Ein Angehöriger der Miliz ermordete ihn schliesslich 1942 im Gefängnis. Nach seinem Tod verband die Bevölkerung des Südens seine Figur mit der des  “Propheten” Simon Kimbangu, der im benachbarten belgischen Kongo im Gefängnis bzw. in Verbannung war, und zur sozialen und politischen Seite der Bewegung kam eine religiöse; das führte bis zur Entstehung einer eigenen Kirche.

Als 1940, nach der Besetzung Frankreichs durch Nazideutschland, de Gaulle von London aus zum Widerstand gegen das Regime des General Pétain aufrief, erklärte Felix Eboué, Gouverneur des Tchad, seinen Anschluss an de Gaulle und der Rest des AEF schloss sich ihm an. Brazzaville wurde zur provisorischen Hauptstadt des Freien Frankreich.

Im Kontext der Reform des französischen Imperiums nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich (Abbé) Fulbert Youlou unter der lokalen Elite durch. Manipulierte Wahlen im Juni 1959 brachten ihm eine deutliche Mehrheit. Die einzigen, die sich gegen die Wahlen stellten, waren die Matswanisten. Dies liess ihnen Youlou umso schwerer vergelten, als er auf Anraten seiner Wahlstrategen sich selbst als Wiedergeburt Matswas hatte aufbauen lassen. Die brutale Liquidation der Matswanisten rechtfertigte Youlou mit Berufung auf afrikanische Tradition. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit am 15. August 1960 bestand im Land der Ausnahmezustand.

Youlous Regime zeichnete sich durch extremen Antikommunismus, durch unbedingte Anlehnung an Frankreich, dessen Militär im Land verblieben war, und durch Zusammenarbeit mit den konservativen Kräften des zentralafrikanischen Raumes aus: so etwa Salazar, Kasavubu und Tshombe. Im jungen Staat zielte die Politik auf eine verstärkte tribale Differenzierung und die Ausgrenzung der Eliten des Nordens. 1963 zwang die Armee Youlou zurückzutreten.

Die “neue” Politik des Kongo nahm, zumindest äusserlich, eine deutliche Wende nach links. Dazu gehörten diplomatische Beziehungen zu Rotchina ebenso wie der Aufbau einer Kaderpartei und kubanische Ausbildner. 1968 lösten die Militärs die eingesetzte Zivilregierung endgültig ab. Staatschef wurde Marien Ngouabi. Ngouabi, ein Vertreter der Nordens, garantierte eine Abschwächung der tribalen Auseinandersetzungen - andere sahen die Machtübernahme der Armee aber eher als eine Ablösung des Südens durch den Norden, dessen Vertreter in der Armee die Mehrheit hatten. Die Wirtschaft litt jedoch immer mehr unter dem Abzug französischen und amerikanischen Kapitals und unter der verstärkten Kontrolle durch staatliche Institutionen.

“Der Staat ist in unseren Augen kein neutrales Instrument, ebenso wenig wie dies die Parteien sind. Der Staat ist das Instrument der Diktatur ‘par excellence’. Er ist kein ‘Familienvater’, denn die Beziehungen zwischen den Klassen sind nicht durch Zuneigung, sondern durch Gewaltanwendung charakterisiert.” Also sprach der Präsident und sah keinen Widerspruch zwischen der revolutionären Diktion und dem autoritären Staat, für den er verantwortlich war.

Ngouabi wurde 1977 ermordet und durch einen anderen Offizier ersetzt, den 1979 Denis Sassou-Ngessou ablöste. Das politische Szenario blieb bewegt; inzwischen war Kongo-Brazzaville ein bedeutender Erdölproduzent geworden. Das Auf und Ab der Erdölpreise auf dem internationalen Markt bestimmte Lebensumstände und politische Aktivitäten vor allem in den städtischen Lebensräumen.

Die neue Demokratiebewegung, die sich mit Beginn der 1990er Jahre in vielen Staaten Afrikas bemerkbar machte, brachte im Kongo recht spektakuläre Ergebnisse. 1989 noch hatte der politische Apparat Sassou Nguessou mit den üblichen 99% und mehr in seinem Mandat bestätigt. 1991 entzog die Nationalkonferenz dem Präsidenten und seiner Regierung praktisch alle Befugnisse. Durch seinen Rücktritt ergab sich ein politisches Vakuum, das den Kongo, vor allem aber die Stadt Brazzaville, in einen Krieg unterschiedlicher Fraktionen trieb. Die Kosten eines solchen Prozesses “neuer Demokratisierung” trug die einfache Bevölkerung, die unter Unsicherheit, Preissteigerung und Versorgungsengpässen litt.

Im Oktober 1997 machte der ex-Präsident der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Parteien ein Ende. Unterstützt von angolanischen Truppen putschte sich Sassou-Nguessou wieder an die Macht. Trotz der Begleitumstände der Machtübernahme durch Sassou-Nguesso war Frankreich sofort bereit, den neuen-alten Staatschef massiv beim Wiederaufbau der stark zerstörten Hauptstadt zu unterstützen: “tout à reconstruire”.

Im März 2002 wurde Sassou-Nguesso in Abwesenheit der echten Konkurrenten mit knapp 90% der Stimmen zum Präsidenten gewählt. In einer umfangreichen Dokumentation nahm die Internationale Föderation für Menschenrechte 2005 Stellung zur politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Lage im Kongo. Sie kritisierte u.a., dass es noch immer zu keinem endgültigem Frieden gekommen war, der Staat gegenüber der mächtigen franz. Erdölfirma Total zwar etwas an Boden gewonnen hatte, aber immer noch keine Kontrolle über den wichtigsten Teil der kongolesischen Wirtschaft hatte, und dass beträchtliche Teile des Einkommens aus dem Erdöl in dunkle Kanäle verschwanden. Umweltverschmutzung, Korruption und politische Machenschaften prägen bis heute das Bild.

2021 liess sich der amtierende Staatschef mit 88,5% der Stimmen erneut wählen. Die Opposition boykottierte die Wahl. Der stärkste Gegenkandidat, Guy-Brice Parfait Kolelas, starb am ersten Tag der Wahlen an Covid-19. Denis Christel Sassou Nguesso, „Kiki le pétrolier“, Sohn des Langzeitpräsidenten und früherer Chef der Société nationale des pétroles du Congo wird bereits länger als Nachfolger des Staatschefs gehandelt. Daran wird auch seine Verwicklung in das Verschieben von Erdöleinkünften in Steuerparadiese („Panama Papers“) nichts ändern.

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