Kanarische Inseln - Las Islas Canarias

In der Antike hiessen sie die „Glücklichen Inseln“

Sieben grössere und fünf kleine Inseln bilden den Archipel der Kanaren, 115 km westlich der Küste Afrikas. El Hierro, die am weitesten vom Kontinent abgelegene der Inseln, war einst der äusserste Punkt der bekannten Welt; dahinter war in der Antike und im frühen Mittelalter nach Westen und Süden die Welt zu Ende. Ab dem 9. Jahrhundert nach Chr. intensivierten sich die Kontakte mit der arabischen Welt. Im 13. und 14. Jahrhundert erreichten wiederholt europäische Seefahrer die Inseln.

Mit Beginn des 15. Jhdts. begann eine europäische Kolonisierung und 1496 nahmen die Spanier auch Besitz von der letzten freien der kanarischen Inseln. Sie wurden ein wichtiger Stützpunkt für die Seefahrt im Atlantik: so startete Columbus von La Gomera zu seiner Ozeanüberquerung. Die Bevölkerung der Inseln - zwischen 80.000 und 120.000 um 1400 wurde ausgerottet oder versklavt; der Baumbestand gefällt. Für den Export produzierten die Einwohner Anfangs Zucker und Wein; im 19. Jahrhundert kam dazu die Herstellung von Grundstoffen für Farben (Orchilla, Schildläuse) und schliesslich dominierten ab 1890 Bananen und Tomaten. Die Beziehungen zur Neuen Welt schlugen sich auch in den Kulturpflanzen nieder: von den Kanarischen Inseln ging der Anbau von Bananen und Zuckerrohr nach Amerika; von dort holte man im Austausch Mais, Tabak, Kartoffel und Tomaten.

Eine kleine bürgerlich-adelige (und männliche) Minderheit bestritt in der Folge die lokale Politik und die Wahlen, die immer wieder von der Rivalität zwischen Gran Canaria und Tenerife bestimmt wurden. Mit der Provinzialgliederung von 1833 wurde der Archipel zu einer der 49 spanischen Provinzen mit der Hauptstadt Santa Cruz de Tenerife. 1852 erhielt er ein Freihandelsstatut, das bis heute besteht, und auch von der Europäischen Union akzeptiert wurde.

Politisch nahmen die Inseln Teil an der Entwicklung und an den Krisen des „Mutterlandes“. Die Reform der Grundherrschaft beseitigte die Herrenrechte, aber nicht den Grossgrundbesitz. Der Abfall der amerikanischen Kolonien liess Spanien verarmen; wirtschaftlich hatte Grossbritannien als Abnehmer der kanarischen Exporte - vom Wein der frühen Zeit bis zu den Bananen im 20. Jahrhundert - für den Archipel bis zum Zweiten Weltkrieg eine grössere Bedeutung als das „Mutterland“.

Mit dem Sieg der Faschisten endete für die Kanarischen Inseln eine lange Periode der wirtschaftlichen Öffnung. Die Regierung in Madrid verfügte eine Abschliessung der Märkte und behinderte die Mobilität der Inselbewohner. Entscheidungen wurden zentral getroffen und Interventionen Madrids auf den Inseln häuften sich. Dazu kam während des Zweiten Weltkriegs eine Blockade der Aussenhandelsbeziehungen und eine Militärverwaltung.

Die sozialen Veränderungen und die wirtschaftliche Krise des Faschismus seit Beginn der 1960er Jahre brachten auch Bewegung in die Politik des insularen „Königreichs des sozialen Friedens“: es kam zu Arbeitskämpfen und zur Entstehung einer oppositionellen Bewegung im Untergrund. Dem Verlangen nach „Unabhängigkeit“ setzte Madrid das Argument der wirtschaftlichen Entwicklung entgegen, erfolgreich. Der Wunsch nach einer eigenen regionalen Identität, in sich noch einmal vielfältig durch die spezifische Entwicklung der einzelnen Inseln, wird heute durch die Autonomie zufriedenstellend abgedeckt.

Immer wieder führten weltwirtschaftliche Veränderungen zu schweren Krisen und zwangen die Bevölkerung zur Emigration. Hunger und Mangel an Boden, aber auch der Mythos vom raschen Reichtum im Westen liessen die Auswanderung nach Amerika im 19. und 20. Jahrhundert anschwellen. Die spanische Regierung versuchte immer wieder die Abwanderung von Arbeitskraft zu verbieten und liess dadurch eine illegale Migration entstehen; sie verlangsamte sich erst mit dem Ausbau des Tourismus. Der Dienstleistungssektor in Verbindung mit dem Fremdenverkehr bietet heute rund 80% der Arbeitsplätze. Kamen zu Beginn der 1960er Jahre, als der Massentourismus dem klassischen, elitären Reisen vor allem britischer Gäste den Rang abzulaufen begann, rund 70.000 Touristen auf die Insel, so sind es heute (2019) 15 Millionen. Trotz des florierenden Tourismus ist die Arbeitslosenrate (20,1% in 2018) höher als im Rest Spaniens; dabei verzeichneten die Inseln mit 4% bis 5% (für die Jahre 1997 bis 2001) ein weit höheres Wirtschaftswachstum als der spanische Durchschnitt: die erwirtschafteten Gewinne bleiben sichtlich nicht in der Region und die Gesellschaft verändert sich nicht immer zum Guten.

Neben den „willkommenen“ Touristen und Käufern von Immobilien werden die Kanaren seit einigen Jahren immer stärker Ziel einer Transmigration von Afrikaner_innen vor allem aus Senegal und Gambia. Einwanderer kommen auch aus Lateinamerika. Angesichts der aktuellen Pandemie wird die Lage vor allem für die breite Bevölkerung immer schwieriger.

„Die kanarischen Inseln sind in gewisser Hinsicht die imaginären Produkte einer Traumwelt“, schrieb R. Nestmeyer in einem Internetbeitrag, und weiter vorn im Text meinte er: Den Kanarischen Inseln haftet seit je her eine magische Aura an. [...] ‚Dort ist kein Schnee, kein Winterorkan, kein gießender Regen, ewig wehn die Gesäusel des leiseatmenden Westes, welche der Ozean sendet, die Menschen sanft zu kühlen’, dichtete kein geringerer als Homer. Vielleicht gründet der verlockende Ruf des Archipels in dem schlichten Umstand, dass alle antiken Dichter, angefangen von Homer bis hin zu Ovid, Plutarch und Plinius dem Älteren niemals einen Fuß auf diese sagenhaften Inseln gesetzt haben.“ (http://www.schwarzaufweiss.de/kanaren/home.htm, 02.07.2020)

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