Algerien

Städtischer Protest gegen eine verknöcherte Staatsklasse: Ein zweiter arabischer Frühling?

Der nördliche Teil des Landes, hin zum Mittelmeer orientiert, wurde seit dem Altertum von den Phöniziern und Römern, den Vandalen, Berbern und Arabern beherrscht, bis Algerien im 16. Jahrhundert ein Freibeuterstaat unter türkischer Oberhoheit wurde. Die grossen Städte im Norden wurden reich durch den Fernhandel nach Afrika und die Kontrolle der Handelsschifffahrt im Mittelmeer. Je weiter man nach Süden kam, desto geringer war der Einfluss der jeweils herrschenden Mächte. Die arabische und berberische Bevölkerung, organisiert in unterschiedliche tribale Gruppen, verbanden der Islam und der Austausch von Vieh und Getreide.

Frankreich profitierte vom Niedergang des osmanischen Reiches und der schwachen Herrschaftsstruktur in den türkischen Provinzen Algeriens. 1830 begann es das Land zu besetzen. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einer brutalen militärischen Kolonisierung und zur Errichtung einer Siedlerkolonie.  Zwei Dinge standen dabei im Vordergrund: die Förderung der Siedler (colons), mit deren Hilfe Algerien zu einem Lieferanten für Rohstoffe und einem Absatzmarkt französischer Industrieprodukte werden sollte, und die Kontrolle der einheimischen Bevölkerung.

Die wirtschaftliche und politische Entwicklung von 1871 bis 1930 war gekennzeichnet durch die Ausdehnung des europäischen Landbesitzes, einen Wechsel in der agrarischen Produktion und eine immer weiter gehende Konzentration des Grundbesitzes. Die agrarische Produktion Algeriens bildete teils eine Ergänzung der französischen, konkurrenzierte jedoch, wie bei Wein und Getreide, auch die Agrarwirtschaft der Metropole.

Gewalt, Enteignung von Grundbesitz und Bevölkerungswachstum trugen zu einer starken Diversifizierung der Gesellschaft bei; die Rekrutierung von Soldaten und Arbeitskraft während des Ersten Weltkriegs förderte die Migration; 1923 arbeiteten 92.000 algerische Emigranten in Europa. Ihnen standen etwa 750.000 europäische Einwanderer in Algerien gegenüber. Die Weltwirtschaftskrise traf die einheimische Bevölkerung hart. Die Erträge der europäischen Siedler in der Landwirtschaft schwankten, aber letztlich verbesserte die Krise ihre wirtschaftliche Lage. Kredite erlaubten durch Zukauf von Betrieben und Grund und Boden sogar eine Expansion der wirtschaftlichen Tätigkeit.

Als 1933 Frankreich mit viel Aufwand 100 Jahre Kolonisierung feierten, war die Gesellschaft durchzogen von zahlreichen Grenzen: zwischen Siedlern und „Arabern“, Kabylen und Arabern, Kapital und Proletariat, städtischer und ländlicher Bevölkerung, Moslems, Christen und Juden, westlich Gebildeten und Absolventen arabisch-islamischer Bildungssysteme. Jede dieser Grenzen war verbunden mit sozialen Unterschieden - Einkommen, Lebensweise, Wohnort, kulturelle und kommunikative Aktivitäten, Wissen und Vorurteile - und diese Grenzen bildeten in einer Gesellschaft, die immer wieder grausame Gewalt erlebt hatte, ein verhängnisvolles konfliktauslösendes Potential.

Trotz einer forcierten Entwicklung der Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Land im Wesentlichen unterindustrialisiert. Die Ursachen lagen einerseits bei den französischen Unternehmern, die eine Konkurrenz zu ihren Betrieben in der Metropole verhindern wollten, in einem Desinteresse der colons, die die Landwirtschaft bevorzugt gefördert sehen wollten, und nicht zuletzt in einem kompletten Desinteresse des lokalen Kapitals. In das Gesundheits- und Bildungswesen der einheimischen Bevölkerung investierten die Franzosen wenig: 1944 besuchten nur etwa 8% der Kinder im Schulalter eine Schule Als 1954 der Befreiungskampf begann, gab es unter den algerischen Männern 85% Analphabeten, und unter den Frauen lag die Rate zwischen 95% und 98%.

Erste Ansätze einer modernen nationalistischen Bewegung gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg, doch erst während des Zweiten wurde die antikoloniale Bewegung deutlicher sichtbar. Mit der Landung der Alliierten 1942 sahen die Algerier eine Chance, über das schwache Frankreich hinweg und aufbauend auf den Versprechungen des amerikanischen Präsidenten Roosevelt (Atlantic Charter), ihre Forderungen nach Reformen durchzusetzen. Die Forderungen wurden zurückgewiesen und Demonstrationen, wie am 8.Mai 1945 in Setif, mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Aus unterschiedlichen antikolonialen Bewegungen entstand die Algerische Befreiungsfront, die 1954 den bewaffneten Kampf aufnahm.

Frankreich versuchte den Befreiungskampf militärisch zu unterdrücken. Im September 1955 bestand die koloniale Armee aus 160.000 Mann; im September 1959 waren 800.000 Mann im Einsatz.

Gefangene Widerstandskämpfer wurden als Kriminelle behandelt. Folter und Grausamkeit dominierten immer stärker die Beziehungen zwischen Franzosen und Algeriern. „Der Kolonialismus ist keine Denkmaschine, kein vernunftbegabter Körper. Er ist die Gewalt im Naturzustand und kann sich nur einer noch grösseren Gewalt beugen“, schrieb Frantz Fanon in Die Verdammten dieser Erde. Gewalt prägte nicht nur die Auseinandersetzung zwischen Algeriern und Franzosen, sondern auch zwischen unterschiedlichen Fraktionen der Befreiungsbewegung und zwischen Bevölkerung und bewaffneten Gruppen. 1960 begannen Verhandlungen zwischen der „Provisorischen algerischen Regierung“ im Exil und Frankreich. Am 1. Juli 1962 stimmten fast sechs Millionen Algerier für die Unabhängigkeit und nur 16.000 dagegen. 10% enthielten sich der Stimme, darunter wohl die Mehrheit der pieds noirs, die noch im Land lebten. Am 5. Juli erfolgte die Unabhängigkeitserklärung.

Die Bilanz des siebenjährigen Befreiungskrieges war erschreckend: Mehrere hunderttausend Tote (die offiziellen Stellungnahmen der algerischen Republik sprachen von einer Million, und später sogar von eineinhalb Millionen), 400.000 Waisen, 500.000 Flüchtlinge, die wieder ins Land zurückkehrten, zwei Millionen Bauern, die nach der Auflösung der Lager, in die sie die Kolonialverwaltung gesperrt hatte, reintegriert werden sollten, eine stark verminderte landwirtschaftliche Produktion, eine Industrie, die durch Sabotage der Unternehmer bzw. der europäischen Techniker nicht mehr voll funktionsfähig war, zwei Millionen Arbeitslose, viereinhalb Millionen Unterstützungsbedürftige.

Der Befreiungskampf hatte zwar die Kolonialmacht und einen Grossteil der etwa 1 Mio. französischen Siedler entmachtet, doch unter der algerischen Bevölkerung keineswegs die bestehenden Gegensätze überwunden. Eine Fraktion der Befreiungsbewegung bemächtigte sich des Staates. Die Armee sicherte sich unter Houari Boumedienne die Kontrolle über Politik und Wirtschaft und behielt sie bis zur Gegenwart. Die Regierung verstaatlichte kleine Unternehmen in Privatbesitz, liess jedoch die grossen Firmen in französischer Hand. Die algerische Bourgeoisie kaufte Unternehmen und Besitz abziehender Siedler; kleinbürgerliche Elemente setzten sich in Besitz  von Läden oder Wohnungen, so gut sie es konnten.

Die Wirtschaft orientierte sich weg von der Landwirtschaft auf Erdöl- und Gasproduktion. Die Industrialisierung im Bereich der importsubstituierenden Produktion schlug weitgehend fehl. Algerien wurde in den 1970er Jahren zu einer der führenden Nationen der „Dritten Welt“ im Kampf gegen die neokoloniale Ausbeutung des Südens durch die Industriestaaten. Es war treibende Kraft bei der Formulierung und Propagierung einer „Neuen Weltwirtschaftsordnung“. Die Entwicklung der eigenen Wirtschaft und Gesellschaft misslang den Verantwortlichen allerdings. Verstatlichte Betriebe wurden unrentabel geführt und Management wie Arbeiter bedienten sich der Einrichtungen und der Erträge zum eigenen Nutzen. Die Landwirtschaft wurde gegenüber den anderen Sektoren stark vernachlässigt.

Unter den Nachfolgern Boumediennes kam es zwar zu einer Liberalisierung und Privatisierung, doch verschärften sich die Gegensätze zwischen den unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft, vor allem wenn der Verfall der Preise für Erdöl dem Staat die Mittel zur Beruhigung der breiten Bevölkerung wegnahm. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erschütterten schwere Unruhen das Land, die die Regierung mit brutaler Gewalt neiderschlug. Die ungleiche Verteilung des Nationaleinkommens und die Folgen aus dem Missbrauch politischer und bürokratischer Ämter wurden unmittelbar spürbar. Viele Menschen lebten in überbevölkerte Wohnungen und standen Schlange vor den Geschäften, um Produkte des täglichen Bedarfs zu kaufen.

Als sich bei den Wahlen um die Jahreswende 1991/92 ein deutlicher Sieg der „Islamischen Heilsfront“ abzeichnete, annullierte die Armee das Ergebnis und setzte eine Regierung ein, die sich bald mit dem bewaffneten Kampf der Islamisten konfrontiert sah. In einem brutalen Bürgerkrieg starben auf beiden Seiten bis 2005 etwa 150.000 Menschen.

1999 setzte die Armee die Wahl von Abdelaziz Bouteflika zum Präsidenten durch, dem in folgenden Jahren schrittweise die Beendigung der internen Konflikte gelang. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und der Sicherheit waren allerdings verbunden mit einer Fortsetzung der Kontrolle des öffentlichen Lebens durch eine Staatsklasse, unterstützt durch die Armee. Bouteflika musste aufgrund heftiger Proteste im April 2019 schliesslich nach zwei Jahrzehnten seinen Rücktritt einreichen.

„Die Menschen feierten ausgelassen, war es ihnen doch als Nation gelungen, ohne Blutvergießen ihren langjährigen Präsidenten zum Rückzug zu bewegen - in einer Region, in der Regime und Machteliten solange an der Herrschaft festhalten wie es geht. […] Nun beginnt in Algerien ein Überlebenskampf der weitverzweigten Elite, bestehend aus einem Geflecht von Armee, Geheimdienstlern, Politikern und reichen Geschäftsleuten.“ (Dunja Ramadan, in: Süddeutsche Zeitung vom 4. April 2019) In den Präsidentenwahlen vom Dezember 2019 gewann mit Abdelmadjid Tebboune erneut ein Kandidat des „Systems“, allerdings boykottierten deutlich mehr als 2/3 der Wähler_innen diesen Wahlgang und die Proteste der vor allem jungen Opposition gehen weiter.

Ob der Tod des Machthabers hinter den zivilen Politikern, Armeechef General Gaid Salah, am 24.12.2019 eine Änderung bringen wird, ist abzuwarten. Dunja Ramadan wies bereits früher darauf hin, dass „junge, hochrangige Offiziere nicht mehr so eng mit der politischen Elite vernetzt sind wie ihre Vorgänger“ und leitete daraus Erwartungen für eine tiefergehende Änderung der politischen Verhältnisse ab.

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