Somalia

Am 18.9.2017 veröffentlichte medico.de die Übersetzung eines Textes des somalischen Autors Nuruddin Farah, der zuvor in der New York Times erschienen war. Farah lebt seit Mitte der 1970er Jahre im Exil und war wiederholt als Kandidat für den Literaturnobelpreis im Gespräch. (Quelle Foto: Verein Literaturhaus Salzburg/flickr)

Eine Nahrungskrise hat Ostafrika fest im Griff. Schon wieder.
(https://www.medico.de/antlitz-des-hungers-16862/)

Während ich am Flughafen von Mogadischu auf ein Taxi wartete, erzählte mir ein Polizist eine ungeheuerliche Geschichte. Folgendes habe sich zugetragen: Eine ausgezehrte Ziege entdeckt ein in ein grünes Tuch eingewickeltes Baby. Blind vor Hunger, hält sie es für ein Büschel Gras, und beißt ein Stück von seinem abgemagerten Oberarm ab. Von den Schmerzensschreien des Kindes aufgeschreckt, sinkt seine Mutter auf die Knie und beginnt weinend zu beten. Am nächsten Tag in Mogadischu erzählte mir ein Freund eine weitere Version der gleichen Geschichte.
Für mich steckt in der Drastik dieser Ziege-frisst-Baby-Geschichte vieles von dem, was man über die gegenwärtige Hungersnot auf der somalischen Halbinsel wissen muss: sechs Millionen bedrohte Menschen, vernichtete Ernten, totes oder sterbendes Vieh. Cholera, Typhus und Meningitis beenden die Arbeit, die der anhaltende Hunger begonnen hat.
Die Verflechtung von Kriegen und Hungersnot hat das Sterben unter den somalischen Bauern- und Viehhalterfamilien vervielfacht. Angaben des US-amerikanischen Außenministeriums zufolge haben Dürre und Hunger seit November 2016 mehr als eine halbe Million Somalis dazu gezwungen, in Flüchtlingslagern am Rande von Mogadischu und anderen Städten Zuflucht zu suchen. [...].
Erinnerungen an frühere Nahrungskrisen kehren zurück. 1974 lebte ich in Somalia, als ausbleibender Regen sich zu einer Hungersnot auswuchs. Damals standen plötzlich notleidende Verwandte vor unserer Haustür. Sie hatten ihr gesamtes Vieh verloren und mehrere Kinder waren bereits gestorben. Siebzehn Jahre später, es war 1991, zerstörte der Bürgerkrieg nicht nur den somalischen Staat, er führte auch zu einem dramatischen Rückgang der Nahrungsmittelproduktion. 2011 legte sich erneut der Hunger über das Land. Ich erinnere mich daran, wie ich inmitten einer vertrockneten Landschaft stand und ein lauer Wind, ebenso ausgezehrt wie die Menschen, über die Ödnis blies, zu schwach, um auch nur den Staub in den Rissen der ausgedorrten Erde aufzuwirbeln. Ich begegnete Frauen und Männern, aus denen jeder Funke Lebendigkeit gewichen war. Die Not raffte damals mehr als 260.000 Menschen dahin.  [...]
In Mogadishu nahm ich Kontakt zu einem Mann auf, den ich Herr Markaawi nennen möchte. Er arbeitet für eine Initiative, die am Rande der Stadt ein Camp für die vor Krieg und Hunger Geflohenen betreibt. Seit dem Zusammenbruch des Staates 1991 kann man in Somalia überall Opfer eines Angriffs werden, ganz gleich, ob man mit dem Auto übers Land fährt, in einem Café oder Restaurant sitzt, sich in einem Luxushotel aufhält, im Krankenhaus liegt oder in einem Flüchtlingslager lebt. Sobald man in Somalia seinen privaten Raum verlässt, ist man so wenig geschützt wie eine Tontaube beim Scheibenschießen. Während meines Besuches in Mogadischu rieten mir Freunde daher dringend ab, ein Lager außerhalb der Hauptstadt aufzusuchen. Also sorgte Herr Markaawi dafür, dass ich in seinem Büro unweit meines Hotels einige vertriebene Familien treffen konnte.
Während dieser Gespräche hörte ich den gleichen Refrain wieder und wieder: dass sich die Hungersnot seit Monaten ankündigte und verschärfte, bevor sie in der Öffentlichkeit zu einem Thema wurde; dass internationale Reaktionen lange auf sich warten ließen; dass Krankheit, akute Mangelernährung von Kindern und das Sterben zunahmen, nachdem sich die Not im Süden des Landes ausgebreitet hatte, insbesondere in jenen Gebieten, die von Al-Shabaab beherrscht werden.
Hinzu kommt die Dysfunktionalität des somalischen Staates, seine Unfähigkeit, die Wirtschaft zu stärken und an den Bedürfnissen der Menschen zu orientieren, ebenso wie der anhaltende Krieg und die Korruption der politischen Klasse. All das hat dazu geführt, dass die Somalis ihre Hoffnungen auf die internationale Gemeinschaft richten.
Allen war vollauf bewusst, dass die gegenwärtige Hungerkrise weit tödlicher ist als jene von 2011. „Damals haben wir rund ein Drittel unseres Viehbestandes verloren“, erzählte ein Mann. „Jetzt ist die Verwüstung heftiger. Wir haben unser gesamtes Vieh verloren. Es gibt keine Nahrung, kein Wasser und nicht einmal Saatgut.“ Die Menschen haben das getan, was ihnen noch blieb: Sie sind gegangen. Im Camp erhält jede Familie von Hilfsorganisationen 70 Dollar, um überleben zu können. [...]
Dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen war im März dieses Jahres von höchsten Stellen mitgeteilt worden, dass 2,1 Milliarden Dollar nötig sind, um zwölf Millionen vom Hunger bedrohte Menschen in mehreren afrikanischen Staaten und im Jemen mit dem Überlebensnotwendigen zu versorgen. Doch die Mitgliedsstaaten und Geldgeber haben bislang lediglich sechs Prozent des Betrages aufgebracht.

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