Marokko

„Land der Kontraste“

 Das Gebiet des heutigen Staates Marokko war politisch, wirtschaftlich wie kulturell immer nach zwei Räumen hin ausgerichtet: zum Mittelmeer, damit einbezogen in die Geschichte Europas und des Nahen Osten, und zu Afrika.

Eine bewegte Geschichte brachte unterschiedliche Völker und Menschen in einen Staat mit fliessenden Grenzen zusammen: Berber, Araber, Nachfahren indoeuropäischer Gruppen aus der Zeit der Völkerwanderung und von Sklaven aus dem Raum südlich der Sahara, Andalusier, jüdische Vertriebene und Zuwanderer, und zuletzt Franzosen, Briten, Deutsche und Amerikaner. Von Marokko aus eroberten die Araber die iberische Halbinsel und die Hassani drangen von hier in die Westsahara vor. Im Süden reichte die marokkanische Herrschaft zeitweilig bis an die grossen Flüsse des bilad es-sudan, bis zum Senegal und zum Niger im „Land der Schwarzen“.

Im Unterschied in Algerien, wo die Franzosen begannen sich 1830 festzusetzen stiessen sie in Marokko auf die Konkurrenz anderer imperialistischer Staaten. Die strategische Lage zwischen Mittelmeer und Atlantik und zahlreiche Bodenschätze machten das Land interessant. Erst 1912 gelang es den Franzosen, nachdem sie die Souveränität des Landes wirtschaftlich wie militärisch geschwächt hatten, Sultan Abdelhafid einen Protektoratsvertrag aufzuzwingen.

Bei der Aufteilung Marokkos unter die beiden „Schutzmächte“ bekam Frankreich den Löwenanteil. Spanien musste sich mit einem 50 km breiten Streifen im Norden (Ceuta, Melilla und Tetouan) und der Enklave Ifni im Süden begnügen. Tanger wurde, 1923 endgültig, internationaler Hafen und Freihandelszone.

Die Kabylen setzten sich im Rifkrieg gegen Spanien zur Wehr. Die beiden Kolonialmächte setzten dem Widerstand mit überlegener Gewalt – Einsatz von Giftgas – ein Ende.

Frankreichs Konzept der Nutzung sah für Marokko die Rolle des Lieferanten von Getreide vor. Massgeblich für diese Politik war der Mangel an Brotgetreide während des Ersten Weltkriegs und der Mythos von der „Kornkammer Roms“: die für besonders fruchtbar angesehenen Böden in Westmarokko sollten wie einst die Versorgung Europas sichern. Französisches Kapital investierte allerdings nicht nur in die Landwirtschaft. Franzosen kontrollierten Verkehr und Transport, Banken, Bergwerke, Handel und Industrie. Bestimmte Sektoren, wie Bergbau und Eisenbahnen, waren französischen Firmen vorbehalten.

Da das Weizenprojekt scheiterte, wurde die landwirtschaftliche Produktion für den Export auf Gemüse und Südfrüchte umgestellt.

Die Erwartungen der antikolonialen Gruppen, Marokko würde mit anglo-amerikanischer Unterstützung nach dem Zweiten Weltkrieg die Unabhängigkeit wieder erlangen, erwiesen sich als trügerisch. Frankreich begann nach dem Krieg die ruinierte Kolonialwirtschaft wieder aufzubauen; Steuern und Anleihen, aber auch privates Geld wurden investiert wie nie zuvor. Französisches Kapital erhielt Konkurrenz durch amerikanische Investoren und auch amerikanische Handelsgüter kamen zunehmend auf den Markt. Dazu eröffneten die USA 1950 fünf Militärbasen in Marokko. Die kleinen Leute erlebten vor allem die negativen Seiten der wirtschaftlichen Expansion: hohe Inflation und steigende Kosten der landwirtschaftlichen Produktionsgüter.

Proteste der Bevölkerung wurden gewaltsam niedergeschlagen; die Kolonialmacht zwang 1953 den König abzudanken und ins Exil nach Madagaskar zu gehen, Boykotte, Streiks und bewaffneter Widerstand zwangen die Franzosen und Spanier nachzugeben und 1956 das Protektorat für beendet zu erklären – Spanien behielt immerhin bis heute die beiden Enklaven Ceuta und Melilla.

Dem Namen nach war Marokko eine konstitutionelle Monarchie. De facto hatten jedoch der König und der Kronprinz, der immer mehr Regierungsaufgaben übernahm, alle Macht in ihren Händen. Die Nationalversammlung wie die Regierung bestand aus ernannten Mitgliedern. Um die stagnierende Wirtschaft anzukurbeln, plante man von Seiten des Palasts grössere Infrastrukturprojekte durchzuführen: Bau von Strassen, Dämmen und Wohnhausanlagen. 1962 starb Mohammed V. und der Kronprinz folgte ihm als Hassan II nach.

Die koloniale Wirtschaftspolitik hatte aus Marokko einen Exporteur von Agrarprodukten gemacht; von seinen Bodenschätzen nutzte es vor allem die Phosphatlager: fast 4 Mio. t exportierte das Land in den frühen 1950er Jahren. Zahlreiche Staudämme dienten sowohl der Gewinnung von Elektrizität wie der Bewässerung von Anbauflächen. Die Getreideproduktion, einst die wichtigste Exportgrundlage, reichte angesichts einer raschen Bevölkerungszunahme nicht mehr aus, die Versorgung der Menschen zu decken: Marokko musste Getreide einführen.

Trotz mehrerer Versuch der Armee und bürgerlicher Gruppen, ihn zu beseitigen, setzte sich Hassan II. durch.

1975 besetzte Marokko nach Abzug der Spanier das Territorium der Westsahara und Marokko verteidigte die Annexion in einem kostspieligen Kolonialkrieg gegen die Befreiungsfront POLISARIO. Anfang der 1980er Jahre befand sich das Land in einer mehrfachen Krise. Die Erlöse der Phosphatausfuhren gingen zu 3/4 für die Bezahlung von Erdölimporten auf. Von 1980 bis 1982 gab es eine harte Dürreperiode. Die Staatsverschuldung im Ausland erreichte 1983 über 9 Mrd. Dollar und Ende 1984 13 Mrd. US-$. Einer Wachstumsrate der Wirtschaft von 2,1% stand ein Bevölkerungswachstum von 3,2% gegenüber. Die Armee von etwa 200.000 Mann erforderte hohe Ausgaben für kompliziertes Kriegsgerät, wie Elektronik und Radaranlagen zur Überwachung des Saharawalls, und wie es Jeune Afrique formulierte, hätte auch ein Ende des Saharakrieges den König nicht davon abgehalten, die Armee, der er sich seit seiner Zeit als Kronprinz verbunden fühlte, weiter auszubauen. Dies ging auf Kosten der einfachen Bevölkerung.

Proteste und Hungerunruhen kennzeichneten die 1980er Jahre. Die Strukturanpassungsmassnahmen der Bretton-Woods-Institutionen verschärften noch die schwierige Lage der Mehrheit der Bevölkerung. Zur Beruhigung und auch weil Marokkos europäische Partner Druck ausübten, setzte der König einige Massnahmen der politischen Liberalisierung, ohne jedoch sein Macht sichtbar zurückzunehmen. Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes war geprägt durch einen stetigen Prozess der Öffnung für internationales Kapital und die Ausweitung der Zusammenarbeit mit der EU. Den Profit aus der Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung der Märkte stecken allerdings relativ wenige ein.

Mit dem Tod Hassan II 1999 übernahm sein Sohn Mohammed VI. die Regentschaft. Er agierte in mancher Hinsicht subtiler als sein Vater, behielt jedoch die Kontrolle über das Land in festen Händen. Daran änderte auch die neue Verfassung von 2011 wenig, die der Regierung und dem Parlament etwas mehr Raum gibt und zugleich ein Übergreifen des „arabischen Frühlings“ auf Marokko verhindern sollte.

Die Wirtschaft wächst langsam aber stetig, nicht zuletzt dank einer engen Kooperation mit der EU. Die  Westsahara wird immer stärker integriert und Marokko hat dafür die Unterstützung der USA, während die POLISARIO immer stärker an Unterstützung verliert. Problematisch sind immer wiederkehrende Dürresaisonen, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und Marokkos Rolle als Transitland für die Emigration aus Afrika südlich der Sahara.

Euronews zitierte am 29.7.2019 den Generalsekretär des marokkanischen Wirtschaftsrats Driss Guerraoui: "Marokko ist seit der Unabhängigkeit reicher geworden, aber die sozialen, territorialen und geschlechtsspezifischen Ungleichheiten haben weiter zugenommen. Eine der größten Herausforderungen, vor denen Marokko derzeit steht."

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