Mali

Demokratie im Schatten des Terrors

Mali ist ein Binnenland, mit grosser Ausdehnung und ökologisch/wirtschaftlicher Diversität; Sahel und Sahara bildeten in der Vergangenheit einander ergänzende Wirtschafts- und Sozialräume; die Reiche in diesem Gebiet hatten sowohl politisch wie wirtschaftlich eine grosse Bedeutung für Westafrika und auch die angrenzenden Territorien (afrikanische Waldgebiete, Nordafrika und Mittelmeerraum)

Bei der Kolonisierung durch Frankreich spielte der Einsatz von Militär eine grosse Rolle; das hing vor allem mit dem andauernden Widerstand der nomadischen Völker im Norden zusammen, aber auch mit der Existenz grosser vorkolonialer Reiche, die sich nicht so einfach unterwerfen liessen. Der Soudan war einerseits, wie Niger und Tschad, ein Bestandteil der französischen Sahara und damit eine Puffer- oder Übergangszone mit diffusen Grenzen, anderseits, im Süden, kolonialwirtschaftlich wertvoll.

Die französische Regierung überliess die Verantwortung für die wirtschaftliche Entwicklung völlig den Kolonialgesellschaften; vor allem das zentrale Entwicklungsprojekt Office du Niger, das Frankreich von Baumwollimporten aus den USA und britischen Kolonien unabhängig hätte machen sollen, erwies sich als Flop, veränderte allerdings die wirtschaftliche und soziale Struktur des Landes bedeutend.

Frankreich leistete nur geringe Investitionen in das Bildungssystem. Der Soudan erhielt die Rolle eines Hinterlands für die Kolonie Senegal  und das brachte mit sich, dass vor allem die negativen Aspekte der Modernisierung (koloniale Zwangsproduktion, Arbeitsmigration) wirksam wurden. Soudan / Mali blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg Hinterland Senegals, lieferte Grundnahrungsmittel und Arbeitskraft und war ein Absatzgebiet für senegalesische Produkte. Die kolonialen Projekte im Bereich der cash crop Produktion (Baumwolle, Erdnuss) wurden fortgesetzt.

1960 kam es zu einer einvernehmlichen Entkolonisierung; das Projekt einer Föderation Mali mit Senegal scheiterte sehr rasch an der Ablehnung der Franzosen und an der mangelnden Bereitschaft der nationalen Politiker beider Länder zur Zusammenarbeit. Präsident Modibo Keita versuchte in Mali ein sozialistisches Modell (politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich) durchzusetzen, scheiterte und musste den Platz für eine Militärregierung konservativer Prägung räumen. Die repressive Politik der Regierung Keita und des folgenden Militärregimes, sowie die schwierige ökologische und wirtschaftliche Lage veranlassten grosse Teile der – vor allem jungen – Bevölkerung auszuwandern. Nach 1990 und einem zum Teil gelungenen Transitionsprozess kehrte ein Teil aus der Diaspora zurück, wurde zum Motor hinter einer wirtschaftlichen und politischen Erneuerung, aber auch zum Kern des bewaffneten Widerstands im Norden, der – verstärkt durch islamistische Bewegungen – der Regierung in Bamako und den unterstützenden Franzosen schwer zu schaffen macht.

Von der Nationalkonferenz Anfang der 1990er Jahre ging wohl eine deutliche Demokratisierung aus, doch gelang keine durchgreifende wirtschaftliche und soziale Erneuerung. Die Regierung in Bamako braucht immer wieder Unterstützung Frankreichs und der EU, um sich gegen die Angreifer aus dem Norden halten zu können. In einem Text der Bundeszentrale für Politische Bildung schreibt Philipp Goldberg 2018: „Auch der Regierung unter Ministerpräsident Ibrahim Boubacar Keita, die 2013 ihr Amt antrat, ist es bisher nicht gelungen, das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. […] Steigende Lebensmittelpreise, anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und die weiterhin stagnierende sozio-ökonomische Entwicklung insgesamt führen zu einem stetig wachsenden Maß an Frustration innerhalb der Bevölkerung. […] Konflikte zwischen der arbeitenden Bevölkerung und der Regierung können immer seltener im Rahmen eines Dialoges gelöst werden; die Zahl an angemeldeten und unangemeldeten Streiks nimmt permanent zu. Besonders groß und potenziell explosiv ist die Unzufriedenheit in den Reihen der malischen Jugend, die diesen Unmut auch zunehmend sowohl in sozialen Medien als auch auf der Straße artikuliert. Hier besteht einerseits die Energie für einen Wandel, sofern es gelingt diese Gruppen mit einzubeziehen. Wenn diese Energie jedoch nicht in konstruktive Bahnen gelenkt werden kann, birgt sie ein gehöriges Stabilitätsrisiko.“ (https://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/175842/mali, 18.08.2019)

Mali ist heute der drittgrösste Goldproduzent Afrikas, doch immer noch lebt der Grossteil der Bevölkerung von landwirtschaftlicher Produktion. Die Erschliessung weiterer Rohstoffvorkommen wie die Förderung des Tourismus sind angesichts der immer noch prekären Sicherheitslage im Land nur Hoffnungsbereiche; das Fehlen innerer Sicherheit bedroht die demokratischen Institutionen: zu den Parlamentswahlen 2020 kamen nur knapp mehr als 35% der Wähler_innen; im August 2020 zwang die Armee den Präsidenten zurückzutreten. Es bleibt abzuwarten, was ihr Comité national pour le salut du peuple von seinen grossmütigen Versprechen einhalten wird.

.

Bildquelle:
Ein deutscher Blauhelmsoldat unterhält sich während einer Patrouille in der Stadt Gao im Norden Malis mit einem Kind. (Foto: Kristin Palitza/dpa)

INFO Mali

BIB allgemein

BIB  Politik & Zeitgeschichte

BIB Geschichte

BIB Wirtschaft & Entwicklung

BIB Gesellschaft