The Gambia

Die Ironie der Ironien

Entlang des Flusses Gambia entstand eine britische Kolonie, 484 km lang und zwischen 15 und 50 km breit, eine Enklave im heutigen Staat Senegal. Von britischen Händlern im 18. Jhdt. gegründet, war sie Depot für befreite Sklaven und Militärstützpunkt und es kam, trotz mehrerer Versuche, nie zu einer dauerhaften Vereinigung mit Senegal. Die Küstenzone nahm als Colony eine vom Hinterland, dem Protectorate, deutlich unterschiedliche Entwicklung. Während die kreolische Bürgerschicht an der Küste westliche Lebensformen, Bildung und Religion übernahm, war und ist die Bevölkerung des Hinterlands muslimisch und den lokalen politischen Strukturen verpflichtet.

Die Wirtschaft war geprägt von landwirtschaftlicher Produktion durch kleine Pflanzer: für den Export vor allem Erdnüsse; Reis für den lokalen Konsum. Der Handel entlang des Flusses lag in Händen einheimischer Agenten, doch in den 1920er Jahren verloren die einheimischen Handelsherrn ihren Einfluss. Die Exporte gingen zuerst nach Frankreich und nach dem Ersten Weltkrieg nach England. Aufgrund der Lage und der durchlässigen Grenzen war und ist Schmuggel nach und aus Senegal ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Ab Mitte des 19. Jhdts. gründeten einflussreiche Bürger der Colony Interessensvertretungen und die Kolonialverwaltung überliess ihnen eine marginale Beteiligung an den politischen Gremien. Das Protectorate blieb bis in die spätkoloniale Phase von politischer und gesellschaftlicher Modernisierung ausgeschlossen. Die Wirtschaft wurde seit den 1830er Jahren durch die Produktion und den Export von Erdnüssen dominiert. Die Einführung von Steuern und das Angebot an importierten Waren für lokale Konsumenten brachte eine Ausweitung des Anbaus vor allem in küstennahen Gebieten. Da es in der Landwirtschaft zwar nicht an Boden, aber an Arbeitskraft fehlte, begann ein guter Teil der Produzenten Arbeitsmigranten, die als strange farmers gegen Naturalentschädigung einen Teil des Jahres auf den Feldern der gambischen Bauern arbeiteten, einzusetzen. Je mehr Erdnüsse Gambia produzierte, desto geringer wurde der Grad der Eigenversorgung mit Lebensmittel und es musste Reis importiert werden, ein kolonialer Dreieckshandel, der den Beteiligten bis heute hohe Profite garantiert.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg brachte eine „einvernehmliche Entkolonisierung“. Die bei den USA verschuldeten Kolonialmächte England und Frankreich mussten deren Vorgabe zur Öffnung und Entkolonisierung der Afrikabesitzungen akzeptieren. Die politische Emanzipation blieb aber noch länger eine Angelegenheit der Bürger in der Colony. Die Bewohner der Hauptstadt waren mit kolonialer Politik nicht nur besser vertraut und darüber besser informiert, sie hatten auch einen einfacheren Zugang zur kolonialen Verwaltung. Und nur in der Colony gab es gut situierte Personen, die politische Arbeit finanzieren konnten. Im Protectorate bestimmten weiterhin die Chiefs über die politische Beteiligung. Herkunft und Religion markierten die Grenzen bei der Bildung der ersten Parteien. 1961 wurde der Wolof Pierre Sarr Njie von der „katholischen“ United Party Regierungschef. Bereits 1962 löste ihn Dawda Jawara ab, dessen People’s Progressive Party in erster Linie die Bevölkerung des Protectorate hinter sich hatte. Unter seiner Führung wurde Gambia 1965 unabhängig.

Es war nicht sehr viel, was Grossbritannien ausser einem disziplinierten civil service den 350.000 Einwohnern des neuen Staates hinterliess; zwei Spitäler für einen Landstreifen von knapp 500 km Länge, vier höhere Schulen, ein paar Strassen, Landebrücken und einen Marketing Board, der die Ausfuhr von Erdnüssen und den Import von Reis kontrollierte. Die Erdnusskultur weitete sich aus; verschiedene Entwicklungsprojekte versuchten vergeblich die Nahrungsmittelversorgung zu verbessern. Der Staat bzw. die führenden Politiker profitierten vom Marketing Board bis in den 1960er Jahren die Privatisierung zugunsten grosser einheimischer Händler erfolgte. Ab Mitte der 70er Jahre verringerte sich die Produktion der Erdnüsse. Das Einkommen aus der Agrarproduktion wurde kleiner und die rasch steigenden Erdölpreise machten sich bemerkbar. Der Staat expandierte weiter, förderte Unternehmen und verdoppelte die Zahl der Beamten; er bezahlte mit den Reserven des Marketing Board und nahm Kredite auf. Immer mehr vor allem junge Menschen kehrten dem Erdnussanbau den Rücken und engagierten sich in der Wiederausfuhr von Konsumwaren nach Senegal und anderen westafrikanischen Staaten, oder mit anderen Worten im Schmuggel von Gütern, die aufgrund niedriger Zölle in Gambia billig zu haben, und anderswo teuer zu verkaufen waren.

Mit Premier Jawara - sowohl Mande als Muslim – hatte das einstige Protectorate endgültig die Vorherrschaft der Vertreter der Colony durchbrochen. Jawara behielt die politische Führung ohne den Parteienpluralismus zu beseitigen. Dabei halfen ihm nicht zuletzt die enge Verbindung mit dem einheimischen Kapital und eine gute Beziehung zu Senegal. Macht und Geld blieben auf eine Minderheit beschränkt. 1981 wurde ein Putsch gegen Jawara von senegalesischem Militär niedergeschlagen und in der Folge kam es zu einer Union Senegambia, die jedoch 1989 wieder zerbrach.

Gambia musste sich aufgrund seiner wirtschaftlichen Schwäche dem Strukturanpassungsprogramm der Weltbank unterwerfen und erhielt massive Entwicklungshilfe. 1991 machte die offizielle Entwicklungshilfe (ODA) ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes aus. Der von den Gebern des Nordens und der herrschenden Klasse begrüsste Aufschwung war kurzlebig. 1994 lieferten die Bauern nur noch 65.000 t Erdnüsse an; die Auslandsschulden lagen bei 380 Mio. US-$ und die “Wiederausfuhr” (Schmuggel) hatte sich aufgrund der 50%igen Abwertung des Francs CFA im Jänner 1994 auf ein Drittel des vorherigen Volumens reduziert. Ein Militärputsch, gefördert von den USA, beendete 1994 die Regierungszeit von Jawara und die oligarchische Demokratie in Gambia.

Seit den 1970er Jahren hatte Gambia von steigenden Touristenankünften profitiert -1990/91 kamen über 100.000. Die Machtübernahme durch Militärs unter Führung Lt. Yahya Jammeh und die folgenden Machtkämpfe liessen den Tourismus einbrechen, doch erholte sich der Sektor trotz wiederholter Krisen. Jammeh sorgte zwar für eine oberflächliche Demokratisierung seines Regimes, ging jedoch mit brutaler Gewalt gegen alle kritischen Akteure vor. Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Emigration vor allem junger Gambier kennzeichneten die lange Regierungszeit von Jammeh.

In den Wahlen vom Dezember 2016 gewann Adama Barrow die Präsidentschaft mit relativer Mehrheit. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes siegte ein Gegenkandidat gegen den regierenden Staatschef. Die Einigung der Opposition, die Unterstützung aus der Diaspora und nicht zuletzt die sozialen Medien und rasche Kommunikation hatten zu diesem Machtwechsel beigetragen. Yammeh musste unter Druck von aussen die Niederlage akzeptieren und zog sich nach Äquatorialguinea ins Exil zurück. Anfang 2019 begann eine Wahrheitskommission Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen aus den 22 Jahren der Regierung Jammeh aufzuarbeiten Damit sollen jene entschädigt werden, denen durch das Regime Jammeh Schaden zugefügt wurde, und das Vertrauen der Bevölkerung in eine gute Regierungsführung wieder hergestellt werden. „Irony of Ironies“ überschrieb New African (590, Jan 2019:68f) den Bericht über die Wahrheitskommission, hat diese doch ihren Sitz in einem ehemaligen Luxushotel, das zu den 180 Immobilien gehört, die sich Jammeh im Laufe seiner Präsidentschaft angeeignet hatte.

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