Komoren

 

Drôle de démocratie“: Sultane, Söldner und „boot people

Malayen, Protomadegassen, arabisch-persische Oberschichtfamilien und afrikanische Sklaven besiedelten im ersten Jahrtausend nach Christus die vier Inseln, die in der Kolonialzeit ein einheitliches Territorium bildeten. Die auf die Inseln verschleppten Sklaven brachten Bantusprachen mit, die zur Grundlage für das Komorische wurden. Es entstanden eine Reihe von Sultanaten, wobei der Herrscher auf Anjouan (Nzwani) die Oberhoheit über die beiden anderen kleinen Inseln - Moheli (Mwali) und Mayotte (, Maore) – gewann, während auf Ngazidja (Gross-Komoren) die herrschenden Familien in ständigem Streit um die Vormacht lagen.

Mit dem Ausgreifen europäischer Staaten wurden die Komoren ein Versorgungsstützpunkt der Schifffahrt. Mitte des 19. Jahrhunderts erkauften sich französische Kolonialgesellschaften Besitzrechte über die Inseln und legten Exportkulturen an. 1912 wurden die Komoren eine Kolonie Frankreichs. Französische Firmen und Kolonisten kontrollierten weiterhin die landwirtschaftliche Produktion und drängten die einheimischen Bauern immer weiter zurück. Die alte Oberschicht, für Grundenteignung und Verlust politischen Einflusses durch Ehrungen und durch die Integration in die niedrige Verwaltung entschädigt, lebte als dekadente Bourgeoisie von den Einkünften aus Landgütern, die durch ehemalige Sklaven oder Pächter bearbeitet wurden. Den Handel besorgten einheimische Araber und eingewanderte Inder und Chinesen, soweit es nicht die Kolonialgesellschaften selbst taten.

1946 erhielten sie Inseln als Überseeterritorium eine Teilautonomie und eigene politische Einrichtungen. Mit den ersten Wahlen nach 1945 bildeten sich zwei Fraktionen im bürgerlichen Lager: eine „weisse“ und eine „grüne“. Ihrer sozialen Herkunft nach nicht unterschiedlich, waren die Vertreter der „Weissen“ eher traditionalistisch orientiert als die stärker in die koloniale Wirtschaft und Verwaltung eingebundenen „Grünen“. Opposition gegen die bürgerlichen Politiker erwuchs aus der 1962 in Dar es Salaam gegründeten MOLINACO, Mouvement de Libération Nationale des Comores sowie von Seiten des Mouvement (populaire) mahorais, das die Interessen der Bewohner von Mayotte vertrat.

Im Dezember 1974 sprach sich in einem Referendum die grosse Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit aus – mit Ausnahme von Mayotte, das mit zwei Drittel für den Verbleib bei Frankreich stimmte. Frankreich zögerte, und schliesslich erklärte das Parlament in Moroni am 6.7.1975 die Komoren für unabhängig.

Die wirtschaftliche Situation der Inseln war nicht dazu geeignet, einen unabhängigen Staat in seiner Existenz zu festigen. Boden war knapp und infolge steigender Erosion wurde die Produktion immer geringer. Die Exportkulturen hatten fremde Gesellschaften unter ihrer Kontrolle, ebenso den Grosshandel, den sie sich allerdings mit indischen und einheimischen Händlern teilen mussten. Die Aktivitäten landwirtschaftlicher Entwicklungsorganisationen, die sich etwa um den Verkauf von Boden oder fruchttragenden Bäumen bzw. Sträuchern an Kleinbauern kümmerten, änderten nichts daran, dass die Mehrheit der Bevölkerung als Subsistenzbauern vom wirtschaftlichen Geschehen genauso ausgeschlossen waren wie von der Politik. Einerseits lebt der Grossteil der Bevölkerung direkt von der Landwirtschaft, anderseits musste die ständig steigende Zahl der Einwohner durch immer mehr Lebensmittelimporte versorgt werden und die Eingänge aus Exporten deckten nur knapp die Hälfte der Kosten für Importe.

Bereits im Augst 1975 wurde Präsident Ahmed Abdalla durch die Opposition, die von Ali Soilih aus der Umma geführt wurde, gestürzt. Soilih versuchte mit Unterstützung und nach dem Vorbild Tanzanias das Land zu reformieren. Seine Regierung war gekennzeichnet vom Versuch, gewaltige soziale und ökonomische Veränderungen mit untauglichen Mitteln und in extrem kurzer Zeit zuwege zu bringen. Er kämpfte dabei an drei Fronten: Gegen die Kaufleute um Ahmed Abdallah, denen er das Monopol in der Versorgung entziehen wollte, gegen die Feudalen, die die Schlüsselpositionen in der Verwaltung, aber auch in der ländlichen Gesellschaft besetzten, und gegen die „Abtrünnigen“ in Mayotte, die er wieder eingliedern wollte. Er stand gegen Frankreich, brauchte aber gleichzeitig dessen Hilfe. Er bekannte sich als gläubiger Mohammedaner, versuchte aber eine Reihe traditioneller Gebräuche, wie das Tragen des Schleiers, abzuschaffen.

Die „naive Revolution“ wurde 1978 durch eine Truppe von 50 weissen Söldnern unter Führung von Bob Denard beendet, Soilih ermordet und der frühere Präsident kam wieder an die Macht.

Während sich Mayotte immer deutlicher von den anderen Inseln trennte, kam es auf den Komoren immer wieder zu Umsturzversuchen und regionalen Auseinandersetzungen. Abdalla fiel 1989 einem Attentat zum Opfer. Jeune Afrique (1510, 11/12/1989:31-33) widmete ihm einen nicht unbedingt freundlichen Nachruf: „Trauriges Ende für einen Mann, dem im Übrigen kaum jemand nachweint. Sicherlich brachte er den Männern und Frauen der Komoren seine Zuneigung entgegen. Das geschah aber auf die Art eines Feudalherrn, für den Grausamkeit und Willkür normale Eigenschaften der Herrschaft waren. [...] Während seiner Regierungszeit hielt er, den man 'Monsieur Import-Export' nannte, das Monopol beim Reisimport und beim Vanillehandel. [...] Ahmed Abdallah wollte vor allem die Macht. Das machte ihn zur Geisel in den Händen einiger Abenteurer.“

Korruption, undurchsichtige Geschäfte, die immer gleichen Politiker aus einflussreichen Familien und die Vorschriften des Weltwährungsfonds bestimmten auch das politische Szenario der 1990er Jahre. Ohne finanzielle Unterstützung Frankreichs konnte der Staat nicht funktionieren - und mit ihr tat er es mehr schlecht als recht. 1999 übernahmen schliesslich Militärs unter Führung von Oberst Azali Assoumani die Macht; das Land kam dennoch nicht zur Ruhe. Zwei Söhne Ahmed Abdallahs versuchten im März 2000 Azali zu stürzen (der 21., nach anderen Zählungen der 19. Staatsstreich seit 1975). Ende 2001 wurde endlich in einem Referendum die neue Unionsverfassung angenommen, die den Inseln (und den dort Regierenden) weitgehende Autonomie garantierte. Das Amt des Präsidenten sollte alle 4 Jahre von einem Vertreter einer anderen Insel übernommen werden.

Der Kampf um die Macht ging jedoch weiter - zugleich der Kampf um die knappen Ressourcen, die sich auf den Inseln erwirtschaften liessen. Wahlen brachten keine stabile Innenpolitik; 2007 musste die Afrikanische Union mit Armeeeinheiten aus Tanzania und dem Sudan die Lage stabilisieren. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vor allem von IMF und Weltbank verstärkte sich. Mayotte, das inzwischen französisches Departement geworden war, konnte und kann sich der Flüchtigen kaum erwehren, die in kleinen Booten von den Komoren übersetzen.

Azali gelang es 2018 die Verfassung so zu ändern, dass er das Amt nicht an einen Vertreter einer anderen Insel abgeben musste. Manipulierte Wahlen sicherten ihm das Amt des Staatschefs und die Mehrheit im Parlament. Die Opposition boykottierte diese Wahlen, an denen nach Regierungsangaben rd. 60% der Wähler_innen teilnahmen – nach Angaben der Kritiker höchstens 10%.

Das niedrige Bildungsniveau, fehlende Rohstoffe und desolate Infrastruktur verhindern selbstbestimmte Entwicklung. Die unsichere politische Lage hat dazu geführt, dass kaum investiert wird. So ist es wiederum die Weltbank, die mittels Entwicklungshilfe zumindest die Folgen aus dem Wirbelsturm Kenneth und der Covid-Pandemie abschwächen soll. Gäbe es nicht die Überweisungen der bis zu 300.000 Komorer und Komorerinnen in der Diaspora, wäre die Armut der breiten Bevölkerung noch weit krasser.

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